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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Maerz/April 2007 16.03.2007 Heute schon gegendert? | ||||||
| 16.03.2007 Heute schon gegendert? | ||||||
| Für die AG Jungen und Manns-Bilder in der Schule: Gregor Bitter, Klaus Ehl, Ulrich Hütter, Wolfgang Schleuder, Lothar Teichmann, Andreas Weber, Edgar Zimmer | ||||||||||||||||||||||
| Wieder einmal wird eine alte Sau mit viel Trara durchs Dorf getrieben. Diesmal heißt sie „Gender“. Bunte flyer hängen ihr um den Hals, mit Feigenblättern ist sie geschmückt, Frauen mit Trompeten und ein paar Männer, von der Schulbehörde, sagt man, umringen sie. Bei dem ganzen Rummel fällt gar nicht auf, dass „Gender“ ein aufgeblasenes Gum-mischwein ist. Dessen ungeachtet taucht es in zahlreichen workshops und Senatsbeschlüssen auf und gibt dem LIS-Fortbildungsprogramm einen innovativen touch. Warum so viel Trara um ein aufgeblasenes Schwein ? Weil sich dahinter ganz still und leise eine viel größere Sauerei verstecken lässt. |
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| Gender | ||||||||||||||||||||||
| Gender lässt sich wunderbar zu einem Problem von Individuen machen: Männer kümmern sich nicht um Kinder, Haushalt und Gefühle. Frauen sind mit Küche, Kindern und Beziehungsarbeit überlastet. Wechselseitige Emanzipation tut not. Da kann Schule doch helfen. Jungen in den Kochkurs und im Wochenpraktikum ins Pflegeheim. Mädchen am „girl’s day“ in die Tischlerwerkstatt. In der Nachbereitung dann Psychodrama mit vertauschten Rollen und alles ist paletti. Nun hat aber dummerweise die UNESCO gerade festgestellt, dass es den Kinder, Mädchen wie Jungen, in Deutschland und besonders in Bremen in fast allen relevanten Bereichen schlecht geht. Für die Schule registriert das PISA Jahr für Jahr mit schöner Regelmäßigkeit, und das besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Das hat ja mit „Gender“, unserem geliebten Schwein, direkt nichts zu tun. Da aber offensichtlich kein Interesse besteht, die „verlorenen Kinder“ als höchst lebendige Sau öffentlich durchs Dorf zu treiben, wird „Gender“ ziemlich aufgeblasen, um den eigentlichen Skandal dahinter verschwinden zu lassen. Dabei könnte es platzen, das Feigenblatt fiele ihm aus den Maul und es würde sichtbar, dass der Staat nur noch das Allernotwendigste in die Schulen investiert, deren Schülerinnen und Schüler langfristig nicht mehr am ersten Arbeitsmarkt unterzubringen sind. | ||||||||||||||||||||||
| Jungen von Ausleseprozess betroffen | ||||||||||||||||||||||
| Im Gegensatz z.B. zu skandinavischen Schulen entwickeln sich deutsche Schulen zunehmend zu einer Auslese-Institution. Zirka 30% der Kinder bleiben im Verlauf ihrer Schulkarriere sitzen, werden in untere Schultypen umgesetzt oder sogar ausgeschult, verlassen die Schule mit schlechtem und vermehrt mit gar keinem Schulabschluss. Von diesem Ausleseprozess sind vor allem Jungen aus sozial benachteiligten Familien betroffen. Ihre Misserfolgskarriere beginnt (neben der Familie) oft schon im Kindergarten, wo sie früh als aggressive „Problemfälle“ ausgegrenzt werden. Mit diesem Stigma kommen sie in die Schule, die die Not der kleinen „Helden“ auch nicht erkennt bzw. keine Möglichkeiten zur Verfügung stellt, mit denen Jungen alternative Wege zur Entwicklung einer gesunden positiven Männlichkeit finden könnten. So finden sie ihre Selbstbestätigung (ohne die kein Mensch leben kann) oft nur in ihrer körperlichen Überlegenheit z.B. als „Schrecken des Schulhofs“ oder indem sie als Macho die Machtlosigkeit der Lehrerin provozieren. | ||||||||||||||||||||||
| Wie kommen Jungen zu solchem Verhalten? | ||||||||||||||||||||||
| Betrachten wir die Institutionen ihrer frühen psycho-sozialen Entwicklung (Familie – Kindergarten – Grundschule) so fällt ein eklatanter Mangel an Männern auf. Dieser Mangel an realen lebendigen Männer, die den Jungen solidarisch helfen könnten, die ganze Palette männlicher, eigentlich menschlicher Fähigkeiten, Fertigkeiten und E-motionen, Stärken und Schwächen zuzulassen und auszuprobieren, und die sie in ihrer Entwicklung wertschätzen würden, dieser Mangel lässt die Jungen in ihrer Not zu sozial – medial vorgegeben Rollenklischees greifen . Die Rolle des coolen, starken, erfolgreichen und gefühllosen Siegers, der sich kompromisslos durchsetzt, wird zu einer Charaktermaske, hinter der der wirkliche Junge - vollständig überfordert - verschwindet. Da Jungen in der permanenten Angst leben, dass jemand hinter der Charaktermaske den „kleinen Jungen“ entdecken könnte, befinden sie sich in ständigem Selbstdarstellungsdruck und Abwehrkampf. Dieser Stress schränkt ihre Lernbereitschaft und -möglichkeiten stark ein. Diese von den Jungen selbst zusammengesuchten Initiationsrituale und Identifikationsfiguren lassen sich mit Ausgrenzungen und Strafen nicht überwinden, sie stärken lediglich den Kampfeswillen von Terminator & Co und stabilisieren das Problem des Schule-Schüler-Systems (Auge um Auge, Zahn um Zahn). Wenn Schule keine Ausgrenzungs-Institution mehr sein will, sondern ein Ort, an dem Kinder, Jungen (trotz aller Vorerfahrungen in Familie und Kindergarten) sich zu positiven, vielleicht sogar glücklichen Persönlichkeiten entwickeln können, dann muss sie sich ändern. | ||||||||||||||||||||||
| LehrerInnen-Ausbildung | ||||||||||||||||||||||
| Das muss schon bei der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer berücksichtigt werden. Die (psychologisch orientierte) Beziehungsarbeit muss gleichberechtigt neben Didaktik und Methodik vermittelt werden. Schule und Lehrerinnen und Lehrer müssen sich als Wirkfaktor in einem System wahrnehmen, in dem sich problematische Verhaltensweisen entwickeln und verstärken, und bereit sein, ihr Verhalten zu ändern. Schule muss eine neugierig machende, spannende Lernatmosphäre schaffen, in der begeisterte, interessierte Pädagogen die Anstrengungsbereitschaft der Jungen wecken und ihre individuellen Erfolge beachten, würdigen und wertschätzen. („Menschen lernen besser, wenn sie in positiver Stimmung sind.“) Schule bietet Jungen Raum für ihre Ängste und Schwächen, Schule versteht die Entstehung ihrer oft aggressiven Notlösungen und Männer bieten den Jungen Alternativen an: „Junge, ich zeige dir einen besseren Weg auf dem Weg zum Mannsein.“ (Lehrer setzen sich mit ihrem eigenen Mannsein auseinander.) | ||||||||||||||||||||||
| Dafür bietet Schule ausreichend Zeit. | ||||||||||||||||||||||
| Die Lernmethoden müssen so gestaltet sein, dass sich Schüler ihr Wissen gemeinsam in fächerübergreifenden Projekten selbständig erarbeiten können. („Wissen ist auf verbalem Weg nicht übertragbar, es muss in eigener Tätigkeit erarbeitet werden.“) Unterschiedliche Fähigkeiten und Eigenschaften der Schüler werden nicht abgeschliffen oder bewertet, sondern für die gegenseitige Unterstützung genutzt. („Schüler lernen zuerst voneinander und erst dann vom Lehrer, wenn sie ihn um Hilfe bitten.“) Da aber an Bremer Schulen für solch einen Unterricht keine personellen, zeitlichen, räumlichen und finanziellen Ressourcen zur Verfügung stehen oder man letztendlich keinen zusätzlichen Euro in die Schule der Verlierer stecken will, andererseits aber nicht ganz so untätig auf PISA regieren will, verteilt man aufgeblasene Gummischweine, die dann mit schon etwas verwelkten Feigenblättern im Maul auf den Fluren herumstehen. Und so kommt es dazu, dass sich eines Tages ein Lehrer des Schweins erbarmt und es sich unter den Arm klemmt. So begegnet er einem Kollegen auf dem Flur und fragt ihn: „Heute schon gegendert? … Schulterzucken, gequältes Lächeln, ein jeder geht seiner Wege und dann klingelt es Gott sei Dank zur Pause. | ||||||||||||||||||||||