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16.12.2008 Hessen vorn –

Beim Abbau der staatlichen Lehrerfortbildung
Die Hessische Landesregierung unter Roland Koch hat 2004/2005 das angesehene „Hessische Institut für Lehrerfortbildung“ (HILF) „abgewickelt“ und die Fortbildung weitgehend privatisiert. Die GEW Hessen hat in Reaktion darauf eine eigene Bildungsgesellschaft (lea) gegründet. Nach drei Jahren zogen Karola Stötzel und Peter Kühn, die GeschäftsführerInnen, eine erste Bilanz, die wir hier nachdrucken.

Seitenabschnitte:
Drei Jahre lea-bildungsgesellschaft der GEW Hessen
Der Fortbildungsmarkt in Hessen
lea: Im Zentrum stehen die Menschen
Kollektives Gedächtnis

 Der_Kampf_um_die_Kaempfe.pdf
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Drei Jahre lea-bildungsgesellschaft der GEW Hessen

Unternehmensberatungen, Stiftungen und Arbeitgeberverbände wissen, was sie mit der Bildung wollen. Aufdringlich propagieren sie ihr Menschenbild des homo oeconomicus, des allseits fungiblen, sich stets den „freien (Arbeits-)Marktgesetzen" unterordnenden Menschen. Ungeheure Profite locken durch Deregulierung und Privatisierung der Bildungseinrichtungen. Die Vorlagen der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) zu schulpolitischen Maßnahmen wurden von der CDU-Regierung unter Ministerpräsident Koch fast lückenlos umgesetzt. In diesem Kontext wurde 2005 das Hessische Lehrerbildungsgesetz (HLbG) verabschiedet – mit Leistungspunkten, gesetzlicher Fortbildungsverpflichtung und einer Privatisierung der staatlichen Lehrerfortbildung. Die ehedem fortschrittlich organisierte und durch die Lehrkräfte mitbestimmte staatliche Lehrerfortbildung wurde den strategischen Zielen der Landesregierung angepasst. Systemische Schulungen für den Führungsnachwuchs und für Schulleitungen als „Manager" prägen das Bild.
Die Gegenaufklärung brandet mit neuer Wucht in den Bildungseinrichtungen an: durch einseitige und zweifelhafte Unterrichtsmaterialien und Fortbildungsseminare von Stiftungen, Industrieverbänden, Arbeitgebervereinigungen, Bundeswehr oder Anhängern des Kreationismus. Der Kampf um die Köpfe tobt neu, entfacht durch die Herstellung der Konkurrenz.

Der Fortbildungsmarkt in Hessen

Dieser Kampf wird mit harten Bandagen ausgefochten. Die größten Zuwächse an Angeboten und Teilnehmern verzeichnet der Fortbildungsbericht 2007 des Instituts für Qualitätsentwicklung (IfQ) bei den Stiftungen, eine weitere große Gruppe der Angebote wird von Verlagen gemacht. Mit Blick auf die Teilnehmerzahlen ist die VhU eine der größten Anbieterinnen von Lehrerfortbildung (Arbeitskreis Schule und Wirtschaft), dicht gefolgt von den Berufsverbänden mit lea als größtem Anbieter. Die höchsten Teilnehmerzahlen verzeichneten die „Dienststellen" und Universitäten.
Der Fortbildungsbericht 2007 stellt fest, dass der 2005 etablierte Fortbildungsmarkt kein „vollkommener Markt im klassischen Sinne" ist. Insbesondere der Preismechanismus als wesentliche Steuerungsfunktion wirke nicht im klassischen ökonomischen, marktbereinigenden Sinn.
50 % der Fortbildungen werden von „Unternehmen und Organisationen" angeboten. 73,7 % der Angebote von Stiftungen, 70,1 % der Verlagsangebote und 68 % der Angebote der VhU sind kostenfrei. Kostenfrei gestellt sind auch die Angebote zur Gesundheitsbildung, die das Land aufgrund seiner arbeitsmedizinischen Verpflichtungen an die Medical Airport Service GmbH „übertragen" hat.
Dass die Gewerkschaft da nicht mithalten kann, ist klar. Solche Ungleichgewichte herzustellen, liegt aber durchaus im Interesse neoliberaler Entscheidungsträger und ihrer Vertreter in der Landesregierung. Aber so ganz kampflos geben wir uns nicht geschlagen.
Nur wenige Veranstaltungen werden zu kostendeckenden Preisen angeboten – die Motive der Anbieter zur Subventionierung der Seminare sind vielfältig. Insgesamt ist die Teilnahme an beitragspflichtigen Veranstaltungen 2007 gesunken. lea konnte bei den absoluten Teilnehmerzahlen gegenhalten. Als durchschnittliches Teilnehmerentgelt für kostenpflichtige Angebote weist der Fortbildungsbericht 2007 80,56 Euro aus. lea lag im gleichen Zeitraum mit 49,61 Euro deutlich darunter – sozusagen auf „Kampfpreisniveau". Weil dies für die einzelne Lehrkraft immer noch eine hohe Belastung ist, bevorzugen die Kolleginnen und Kollegen auch bei lea die kostenfreien Veranstaltungen. Wer täte es nicht? Nach wie vor fordert die GEW Hessen von der Landesregierung, die Kosten für die Teilnahme an Lehrerfortbildungen zu übernehmen, um eine Auswahlentscheidung entlang der Bildungsbedürfnisse und nicht entlang des privaten Geldbeutels zu ermöglichen. Diese Forderung ist umso wichtiger, als die Landesregierung droht, die (fast) entgeltfreien regionalen staatlich organisierten Lehrerfortbildungen zum August 2008 einzustellen.

lea: Im Zentrum stehen die Menschen

lea steht für ein Menschenbild, das von den Maximen der Aufklärung und der Tradition der Gewerkschaften geprägt ist. Im Zentrum stehen die Menschen, nicht die Verwertungsinteressen. Wir stehen für einen Bildungsbegriff, der auf die Entfaltung aller Potenziale und Fähigkeiten des Menschen hinarbeitet, auf eine solidarische und soziale Gesellschaft zielt und der Emanzipation des Menschen verpflichtet ist. Das professionelle Selbstverständnis durch die Vernetzung verschiedener Bildungsbereiche und pädagogischer Berufsfelder zu stärken, ist eines der zentralen Anliegen von lea. Diese HLZ bietet auf den Seiten 14 bis 19 einen Einblick in das breite Spektrum von lea-Seminaren und Reisen.
Wenn also Bildungseinrichtungen heute darum kämpfen müssen, genügend Raum und Angebote für die „weichen" Fächer anbieten zu können, weist lea auf die Bedeutung von musischen oder motorischen Fähigkeiten hin. Wir wissen, dass Lernfortschritte auch in den „harten" Fächern durch die Ausbildung solcher Fähigkeiten gefördert werden. Erfolg und Selbstbewusstsein in einem Bereich können helfen, Schwierigkeiten beim anderen leichter zu bewältigen.
Wenn heute Unternehmensberatungen und selbst ernannte Experten aus dem Unternehmerlager „selbstorganisiertes Lernen" als zukunftsweisende Unterrichtsmethode empfehlen, haben sie begriffen, dass dies ein probates Mittel ist, sich von Kosten für Lehrkräfte und von der Verantwortung für Lernfortschritte des Einzelnen loszukaufen.
Wenn wir von „Selbstlernen" sprechen, wissen wir, dass die so gewonnen Einsichten wirksamer und nachhaltiger sind als ein bloß gepauktes Faktenwissen. Im Unterschied zu Unternehmensberatungen wissen wir auch, dass ein solcher Prozess mehr Zeit erfordert und deutlich reduzierte Gruppengrößen. Pädagogen und Pädagoginnen müssen in diesem Prozess mehr sein als „Lernberater". Wir reden also in unseren Fortbildungen auch über die Bedingungen, die für erfolgreiche Bildungsprozesse notwendig sind, und vermitteln, dass es mehr Verantwortliche für den Bildungsprozess gibt als die Lehrkräfte oder die Bildungsteilnehmenden allein. Dabei ist uns wichtig, auch bereichsübergreifend zu arbeiten. Dies zeigen zum Beispiel unsere Schnittstellenangebote „Kindertagesstätten und Schule".

Kollektives Gedächtnis

Wir können nicht davon ausgehen, dass das von uns erarbeitete Wissen um die Notwendigkeit der Gegenwehr aus sich heraus im Gedächtnis zukünftiger Generationen haften bleibt. Im Gegenteil: Gerade im Schulbereich ist der Erfahrungsaustausch erschwert, weil die Spannbreite der Altersgruppen gering ist. Der faktische Austausch einer ganzen Generation von Lehrkräften wird große Erfahrungslücken in den Schulen und auch innerhalb der GEW reißen. Ein Teil unserer Aufgaben besteht also darin, das gewerkschaftliche „Rüstzeug", die erarbeiteten Argumentationslinien, Erfahrungen und Vorstellungen über eine Bildung für eine solidarische, soziale Gesellschaft zu erhalten: Bildung ist Menschenrecht und muss der Emanzipation des Menschen dienen. Bildung ist keine lebenslange Anpassungsverpflichtung an die Erfordernisse der Wirtschaft. Damit dies gelingen kann, erstreckt sich das lea-Angebot „von Schulungen für Personalräte über ein breites Spektrum fachdidaktischer Veranstaltungen bis hin zu allgemein pädagogischen Themen", wie der Fortbildungsbericht des IfQ schreibt. Gerade fachdidaktische Veranstaltungen werden sonst häufig nur von Schulverlagen mit durchsichtigen Geschäftsinteressen durchgeführt.
Wir stehen parteilich auf der Seite der Schwächeren mit Veranstaltungen zur Kinderarmut, zu den Lebensbedingungen in einer nicaraguanischen Freihandelszone, zu Hartz IV oder zu prekärer Beschäftigung im Bildungsbereich: Soziale und solidarische Verhältnisse sind erkennbar notwendig für den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Um Erfahrungswissen weiterzugeben, sprechen wir gezielt Kolleginnen und Kollegen im „Unruhestand" auf die Teilnahme oder die Leitung von Seminaren an. Selbst Achtzigjährige besuchen unsere Veranstaltungen. Wir motivieren jüngere Kolleginnen und Kollegen zur Teilnahme oder bieten ihnen an, Fortbildungen bei lea zu leiten.
Zeitzeugen wie Emil Mangelsdorff, Holocaust-Überlebende wie Reuven Moskovitz, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gedenkstätten und Autorinnen und Autoren zeitgeschichtlicher Publikationen wie Jutta Ditfurth helfen, Geschichte erfahrbar und bewusst zu machen.
lea und GEW haben das gemeinsame Interesse, auch über den Bereich der GEW-Mitglieder hinaus zu wirken. Die GEW bietet ihren Mitgliedern neben der Vermittlung gewerkschaftlicher Ziele mit lea ein qualitativ hochwertiges und preisgünstiges Fortbildungsangebot. Und natürlich möchte die GEW mit ihrer Bildungsgesellschaft auch Mitglieder werben. lea kommt nah an die nicht organisierten Kolleginnen und Kollegen heran und lädt sie in die GEW-Geschäftsstellen ein. Gut 30 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind keine Mitglieder. Fünf bis zehn Prozent der Neumitglieder der GEW Hessen treten in engem zeitlichem Zusammenhang mit dem Besuch von lea-Bildungsangeboten in die GEW ein.

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