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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Mai 2009 16.05.2009 Glück kommt selten allein – von G... | ||||||
| 16.05.2009 Glück kommt selten allein – von Gut und Böse | ||||||
| von Eckart von Hirschhausen | ||||||||||||||||||||||
| Guten Tag, mein Name ist Eckart von Hirschhausen, ich bin Arzt, ich möchte Sie gut behandeln. Heute soll ich über Religion im Alltag schreiben, was ich gerne mache, denn der Beruf des Pfarrers ist denen des Arztes und Komikers durchaus seelenverwandt. Über Jahrtausende in allen Kulturen der Welt war es sogar nur ein Beruf – der Medizinmann. Das Thema wurde mir vorgegeben: Gut und Böse. Warum es das Böse auf der Welt geben muss, weiß Gott oder weiß der Geier. Und ich hoffe inständig, es handelt sich um zwei verschiedene Instanzen. Genaues weiß man nicht. Was ist der Unterschied zwischen einem Chirurgen und Gott? Gott hält sich nicht für einen Chirurgen. Ich halte mich weder für einen Chirurgen noch für einen Theologen. Daher gestatten Sie, dass ich mich aus den ganz großen Fragen raushalte. Stattdessen biete ich Ihnen meine Erfahrungen und aktuelle psychologische Forschung an, zu drei Fragen, die wie bei allen guten Fragen mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. |
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| 1. Hat das Böse sein Gutes? | ||||||||||||||||||||||
| “Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Würde es nicht mehr Sinn machen, Apfelkuchen zu essen? Martin Luther glaubte an die Kraft des Guten, an die Hoffnung, die keimt und die zuletzt stirbt. Aber die Erfahrung spricht dagegen: Das Böse hat eine große Kraft. Legt man einen faulen Apfel in eine Kiste guter Äpfel, werden alle guten Äpfel faul. Legt man in diese Kiste verdorbener Äpfel dann wieder einen guten Apfel – dann werden mitnichten die faulen wieder gut, sondern der einzige gute auch noch faul! Ein Beispiel aus dem Körper: Wenn der Magen grummelt, und ich bin frisch verliebt, denke ich: Ein positives Zeichen, ich habe Schmetterlinge im Bauch. Bin ich nicht verliebt, ziehe ich aus dem gleichen Nervensignal eine völlig andere Schlussfolgerung: nie wieder Fischbrötchen. Das Signal aus meinem Bauch war weder gut noch böse – entscheidend ist, wie ich das Signal bewerte. Und das hängt am stärksten davon ab, ob es mir gerade gut geht, oder nicht. Also bestimmt meine aktuelle Stimmung, wie ich etwas bewerte, sogar rückwirkend. Die Welt ist nicht, wie sie ist. Sie ist, wie wir sind. Viele Sachen suchen wir uns nicht aus. Das Wetter, die Gene, die Nachbarn und andere Katastrophen. Es gibt Unfälle, es gibt den Tod, es gibt Krankheiten, an denen kein Mensch persönliche Schuld hat. Kurzum, salopp gesagt: Shit happens. Mal bist du die Taube, mal bist du das Denkmal. Der Psychologe Jonathan Haidt kommt in seinem Buch „Die Glückshypothese“ zu dem überraschenden Schluss: Menschen brauchen Schicksalsschläge, um ihre wahre Stärke zu finden, erfüllt zu leben und sich vollständig zu entwickeln. Wenn man alles Leid und alles Böse aus dem Leben eines Menschen verbannen würde, brächte man ihm damit kein Glück – man brächte ihn um das Beste, nämlich aus Widrigkeiten zu profitieren. Antwort auf die erste Frage „Hat das Böse sein Gutes?“: ein klares Ja! Wir wissen wenn etwas passiert nicht, wozu es gut sein kann. | ||||||||||||||||||||||
| 2. Halten wir uns für zu gut oder zu schlecht? | ||||||||||||||||||||||
| 80% der Autofahrer halten sich für überdurchschnittlich gute Autofahrer. Das kann nicht stimmen. Mehr als 50% können nicht über dem Durchschnitt liegen. Die meisten Menschen halten sich für anders als die meisten Menschen und liegen damit meistens daneben. Mit bösen Folgen: Bei Autounfällen gibt es regelmäßig mehr Zuschauende als Zupackende. Mehr Vorbeifahrer als Aussteiger. Weil jeder denkt: „Mein Erste Hilfe Kurs ist ziemlich lange her, da gibt es sicher jemand, der das besser kann als ich.“ Und weil das alle denken, passiert das Schlimmste: dass keiner was tut. Ähnlich bei Schreien in der Nachbarschaft. Weil alle Ohrenzeugen sich unsicher sind, ob Eingreifen erforderlich ist, beobachtet jeder die anderen, ob die helfen. Solange jeder abwartet ob „sich“ etwas tut, reagiert gar niemand. Dieses Nichtstun beweist scheinbar wieder, dass die Situation nicht bedrohlich ist. Kein böser Wille, ein Trugschluss. Das gilt in der Nachbarschaft wie in der globalen Staatengemeinschaft. Wir können auch Böses tun, indem wir nichts tun. Und viele gute Gelegenheiten verpassen. Am Ende des Lebens bereuen die meisten Menschen nicht, was sie Falsches getan haben, sondern was sie gar nicht erst versucht haben. Die gesunde Kunst des Glücklichseins besteht darin, was da so im Alltag durch den Kopf quakt, nicht allzu ernst zu nehmen. Und sich selbst auch nicht. Das heißt nicht, dass man nichts verändern kann und sollte. Aber jede Veränderung beginnt damit, zu akzeptieren, was ist. Und das steht schon in der Bibel. Liebe dich selbst – das höchste Gebot. Liebe dich selbst – dann können die anderen dich gern haben. | ||||||||||||||||||||||
| 3. Wem tut Gutes tun gut? | ||||||||||||||||||||||
| Schenkt man seinem eigenen Hin und Her zuviel Aufmerksamkeit, wird man depressiv. Wer wirklich sich etwas Gutes tun will – tut am besten etwas für andere. Das ist die zweite Hälfte des höchsten Gebotes: Liebe deinen Nächsten – denn er ist wie du (3. Mose 19,18). Und da ist tatsächlich auch medizinisch viel dran. Menschen, die anderen helfen, fühlen sich nachweislich wohler und sind gesünder. Geben ist seliger denn Nehmen! Die Sterblichkeit der Helfer sank in einer Studie um über 50%! Jeder Pharmahersteller wäre heilfroh, wenn er ein Medikament hätte, das so effektiv das Leben verlängern könnte, wie anderen im Haushalt zu helfen, Kinder zu betreuen oder Besorgungen mitzumachen. Eigentlich müssten wache Ärzte lange bevor sie Aspirin und Antidepressiva empfehlen, auf ihrem Rezeptblock verordnen „Ehrenamt“ und „Engagement“. Und Zuhören! Das tut dem Zuhörer gut und demjenigen, der sich etwas von der Seele reden darf. Nicht auszudenken, wie gesund unsere Nation wäre, wenn wir statt Stunden am Tag Fernzusehen einfach zuhören würden. Oder ein gutes Buch lesen: Denn dass Geben seliger ist denn nehmen, schrieb schon ein gewisser Lukas in einem Bestseller – ohne medizinische Statistik, denn im Prinzip ist das seit 2000 Jahren klar (Apostelgeschichte 20,35). Gut und Böse – das Lachen hat das letzte Wort: Denn gerade die „guten“ Witze sind oft „böse“. So wie Menschen, die sich für zu gut halten: Jesus ist mit der ganzen Gefolgschaft unterwegs, da sieht er wie eine Frau auf dem Marktplatz gesteinigt wird. Der Meister ruft: „Haltet ein, was hat diese arme Frau getan?“ Das Volk ruft: „Sie hat gesündigt!“ Darauf Jesus: „Wer ohne Sünde ist, der werfe jetzt den ersten Stein!“ Alle werden still, mitten in das betretende Schweigen hinein fliegt von hinter Jesus ein Stein in Richtung Sünderin. Ohne sich umzudrehen zischt Jesus: „Mutter, du nervst!“ 1 Mehr zum Thema in: Eckart von Hirschhausen: Glück kommt selten allein, Rowohlt: Reinbek 2009. | ||||||||||||||||||||||
| Gut und Böse | ||||||||||||||||||||||
| Was Gut oder Böse, das heißt förderlich oder hinderlich für ein Zusammenleben der Menschen und die Verantwortung gegenüber der Umwelt/Schöpfung ist, regeln Vorschriften, auch Gebote genannt. Sie sind nicht vom Glauben an Gott ablösbar. Dem Zuspruch seiner Liebe und Zuwendung zu den Menschen korrespondiert das verantwortungsvolle Handeln des Einzelnen: gegenseitige Rücksichtnahme und Freiraum zur Entfaltung. Jesus drückte es so aus: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch." (Matthäus 7,12) Und er bezog sich auf das so genannte "Doppelgebot der Liebe": "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ oder anders übersetzt: „… denn er ist wie du.“ (Matthäus 19,19; 3. Mose 19,18). Es geht um den anderen. Und es geht um mich. Wichtig ist die stimmige Balance zwischen Nächstenliebe und Selbstachtung. | ||||||||||||||||||||||
| Der Autor: | ||||||||||||||||||||||
| Dr. med. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit über fünfzehn Jahren ist er als Kabarettist, Humortrainer, Redner und Bestseller-Autor in den Medien und auf allen großen Bühnen Deutschlands präsent. Sein Buch „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ ist mit über 1,3 Mio. verkauften Exemplaren seit April non-stop auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Vielen Zuschauern ist er als ARD-Hausarzt u.a. bei Schmidt & Pocher bekannt. Sein Markenzeichen: intelligenter Witz mit nachhaltigen Botschaften. Seit Jahren unterstützt er „Rote Nasen Deutschland e.V.“ und gründete vor kurzem die Stiftung „HUMOR HILFT HEILEN“. Er sammelt unermüdlich Spendengelder und bringt Clowns in Krankenhäuser. Bis Ende April 2009 ist er auf Abschlusstour mit seinem Erfolgsprogramm „Glücksbringer“. Mehr über den Autor erfahren Sie unter: www.hirschhausen.com | ||||||||||||||||||||||