zur Startseite
Pfad zur Seite:Startseite - Publikationen - BLZ - BLZ Archiv - BLZ April 2008 - 16.04.2008 Gesund bleiben im Beruf

16.04.2008 Gesund bleiben im Beruf

Tagung von LFI und PR Schulen Bremerhaven
von Barbara Leysieffer
59 % Risikobelegschaft an den Schulen - `Was können wir beitragen, um diesem Tatbestand zu begegnen?´ Der Personalrat Schulen Bremerhaven hatte mit dem Dezernenten für Schule und Kultur Dr. Rainer Paulenz vereinbart, den Aspekt der Prävention in der Lehrerfortbildung fest zu verankern. LFI-Leiter Frank Behrens holte daraufhin Professor Dr. Uwe Schaarschmidt zu einer Auftaktveranstaltung am 13. 2. 08 ans LFI.
Die akute Notlage aufgrund plötzlicher Langzeiterkrankungen von KollegInnen gehört angesichts der knappen Vertretungsreserve genauso zu den Dauerproblemen des Schulalltags wie die bedenklich hohe psychosoziale Dauerbelastung von Lehrkräften. Laut Schaarschmidt, Verfasser grundlegender Studien zur Lehrergesundheit, ist im Vergleich zu Berufen mit ähnlichen Belastungen – Polizei, Krankenpflege, Strafvollzug, Berufsfeuerwehr, Sozialämter in Bezirken mit hoher Arbeitslosigkeit, aber auch Existenzgründer – der Anteil derer, die sich mehr verausgaben als ihnen gut tut, in der Lehrerschaft mit 59 % am höchsten.

Seitenabschnitte:
Stress historisch belegt
Falsche Berufswahl oder Überlastung?
Ergebnisse der Workshops:
• Eigene Prioritäten setzen
• Sich wohl fühlen in der Schule
• Prävention: Querschnittsthema bei allen Maßnahmen
• Herausfinden `what works´
• Krank machende Rahmenbedingungen beseitigen
Weitere Infos:
Die Autorin:

 Tagung_Lehrergesundheit_Endfassung.pdf
 Vollständiger Artikel
zum Downloaden

Stress historisch belegt

Nun, so Schaarschmidt, schon Eberhard der Deutsche, im 13. Jhdt. Lehrer an der Domschule zu Bremen, seufzte. `Psychosoziale Belastung´ hieß bei ihm “vergebliche Mühe, Ärger und schlechte Bezahlung“. Er emigrierte ins Kloster. Offenbar gibt es in diesem Beruf stabile Konstanten. Zum Beispiel dieses deprimierende Gefühl, das entsteht, wenn weder `honiggutes Zureden´, noch `brennesselstrenge Ermahnung´ helfen.....

Falsche Berufswahl oder Überlastung?

Nein, Ermahnungen helfen nicht – schon gar nicht, wenn der soziale Kontext ohnehin nicht mehr durch gemeinsame Moralvorstellungen definiert ist. Sollte man also sagen, wer sich für diesen Beruf entscheidet, der nimmt diesen Stress eben in Kauf? `Wir mussten da auch durch´, sagen manche Ältere achselzuckend. Fragt sich nur, mit welchen Folgen....
Ein erschreckendes Ergebnis der Potsdamer Studie ist, dass ca. ein Viertel der Lehramtsstudierenden (vor allem Männer) für diesen Beruf gar nicht geeignet ist, den Job, tendenziell sogar soziophob eingestellt, eher als Verlegenheitslösung betrachtet und sich bereits im Studium überlastet fühlt.
Und die anderen drei Viertel?
Vergleiche zwischen Lehrkräften verschiedener Altersstufen zeigen, dass die Berufszufriedenheit mit zunehmendem Alter abnimmt – Zeichen von Ermüdung und Resignation sich einstellen. Eine Folge der zu hohen Belastung im Beruf.

Ergebnisse der Workshops:

• Eigene Prioritäten setzen

Wer sich mit Seufzern begnügt, macht sich zum Opfer der Verhältnisse. Doch wie zieht man sich selbst aus dem Sumpf? In Kleingruppen wurden Lösungsansätze diskutiert – auf drei Ebenen: Ich – Wir (als Team, als Kollegium) – Die (PR, Verwaltung, Politik).
Sich klarmachen: Als Einzelne/r kann ich durchaus einiges tun, um zu verhindern, dass ich mich übernehme. Vor allem Frauen neigen dazu, sich aufzuopfern – bei gleichzeitig geringerem Ehrgeiz als ihre männlichen Kollegen. Interessanterweise zeigt die Studie auch, dass eine Stundenreduzierung nicht unbedingt das Befinden verbessert – erfolgversprechender ist eine andere Gewichtung der Prioritäten: Ehrgeiz und hohes berufliches Engagement fördern die Gesundheit, wenn man seine Stärken im Auge behält und sich dementsprechend auch dort engagiert, statt sich beliebig verheizen zu lassen. Eine Konsequenz: Selbstbewusst sein / bleiben,, um unangemessene Ansprüche zurückzuweisen und genügend Distanz zu erhalten bzw. zu gewinnen. Also: Weg mit dem falschen Ehrgeiz die Ansprüche von außen zu 100% erfüllen zu wollen, 80% tun´s auch. Rückzugsmöglichkeiten, Freizeiten gezielt in den Wochenablauf einplanen, in der Lage sein mit unangenehmen Emotionen fertig zu werden – etwa indem man sie durch gezielte körperliche Bewegung abreagiert , um wieder zur Ruhe zu kommen. Aber auch: Handlungsdefizite, die beruflichen Erfolg verhindern, gezielt durch Fortbildung beheben.

• Sich wohl fühlen in der Schule

Kollegien tun sich schwer mit dem Entwickeln eines Wir-Gefühls. Vorschlag: Thematisiert eure räumlichen Gegebenheiten unter dem Gesundheitsaspekt - das betrifft alle. Und: Thematisiert das kollegiale Klima. Ansonsten – was immer gut tut, sind Tandems, d.h. die Zusammenarbeit zu zweit, und - unabhängig davon - mindestens eine Vertrauensperson. Noch besser ist die Arbeit im Team, mit dem man seine Vorhaben plant, durchspricht, reflektiert – und das einen auffängt. Arbeitsunzufriedenheit schwächt - die Freude am Job hingegen erhöht die psychische Selbstwirksamkeit und macht resistenter.

• Prävention: Querschnittsthema bei allen Maßnahmen

Die Gespräche zur betrieblichen Wiedereingliederung Langzeiterkrankter (BEM) haben den Kontakt zum Betriebsarzt ohnehin verstärkt. Angesichts deren Zunahme – zeitgleich mit der Ballung einschneidender schulpolitischer Veränderungsverordnungen mitsamt all seinen ungeahnten Nebenwirkungen - will der Personalrat Schulen das Thema bei allen Maßnahmen mit erörtern. So brauchen wir nicht nur Lehrerarbeitszimmer in den Schulen, Teamräume, sondern auch Sozialräume – das Lehrerzimmer ist kein Pausenraum!

• Herausfinden `what works´

Auch die Fortbildungsinstitute sind aufgefordert, den Gesundheitsaspekt jeweils mit zu bedenken. Dazu gehören gezielte Angebote zur Analyse und gesundheitsfördernden Veränderung des eigenen Berufsalltags, aber auch die Überprüfung und Optimierung aller Veranstaltungen bezüglich ihrer Relevanz und Praxisnähe sowie Angebote speziell für Berufsanfänger: Um gerade dieser Gruppe prägend deprimierende Anfangserfahrungen zu ersparen und ihre besonderen Ressourcen über die Initiationsphase der ersten drei Jahre hinüberzuretten, gibt es in Hamburg, Bremen und Bremerhaven spezielle Module und „Kollegiale Unterstützungsgruppen“, wo sie – außerhalb des Kontextes der eigenen Schule, in einem bewertungsfreien Raum und unter professioneller Anleitung bzw. mit Hilfe des Konzeptes der kollegialen Beratung und Supervision (KoBeSu) - gemeinsam Überlastungssituationen reflektieren und effektivere Strategien und Routinen entwickeln können.

• Krank machende Rahmenbedingungen beseitigen

Doch gegen zu viele `hard facts´ hilft auch keine noch so intelligente Fortbildung zur Optimierung der eigenen Strategien mehr. Es bleibt der Wunsch, dass Lehrerinnen und Lehrer sich wieder stärker gewerkschaftlich beteiligen und bessere Rahmenbedingungen aktiv durchsetzen: kleinere Klassen, weniger Pflichtstunden, Unterstützung hinsichtlich der Förderung und Erziehung `betreuungsintensiver´ SchülerInnen durch andere Professionen, eine zeitgemäße räumliche Ausstattung und eine Rhythmisierung des Schulalltags mit mehr Tätigkeitswechsel anstelle zu langer Unterrichtsblöcke.

Weitere Infos:


Die Autorin:

Barbara Leysieffer ist stellvertretende Vorsitzende Im Personalrat Schulen, Bremerhaven

SucheHilfeEmailSitemap
Suche,Hilfe,Email,Sitemap