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16.06.2008 Eine Schule ohne Schulhaus

Die Integrationsarbeit des Förderzentrums Burgdamm
In den letzten Monaten ist – u.a. auf Initiative der GEW im Fachausschuss Schulentwicklung – die Frage der Förderzentrums-Integration in der Sek. I das erste Mal seit längerer Zeit wieder auf die Tagesordnung gekommen. Die GEW hat im Ausschuss bekannt gemacht, dass zurzeit die Zahl der SchülerInnen in den Förderzentren ansteigt - speziell durch Anmeldungen in den Klassenstufen 5 und 6.
Wir sind in das Förderzentrum Burgdamm gekommen, weil hier Erfahrungen mit der Integration in der Sek. I vorliegen. In der Primarstufe gibt es inzwischen viele Erfahrungen, seit vor 10 Jahren die flächendeckende Integration der damaligen Sonderschule für Lernbehinderte erfolgte. In der Sek. I gibt es noch wenige Beispiele.
Unsere Gesprächspartner: Christine Andréu (Konrektorin) und Thomas Schipfer (Schulleiter).

Thomas Schipfer: Wir arbeiten seit 1989/90 als Schulleitungsteam zusammen. Vor dem Hintergrund dieser langen Zusammenarbeit trauen wir uns zu, einige Zukunftsperspektiven zu entwickeln und Erfahrungen beizusteuern.

Seitenabschnitte:

 Eine_Schule_ohne_Schulhaus-Autoren.pdf
 Vollständiges Interview
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Wie ist das ganze Integrationsmodell entstanden? Am Anfang gab es doch sicher noch eine Sonderschule.
Thomas Schipfer: Das Ganze war früher die Sonderschule für Lernbehinderte an der Hindenburgstraße. Dann gab es die politische Setzung, dass Sonderschulen nicht mehr in isolierten Gebäuden untergebracht sein sollen. Die Sonderschule zog in das Gebäude der Grundschule Burgdamm in den Altbautrakt. In der Stadt Bremen wurde die Fritz-Gansberg-Str. neu gebaut, aber aufgrund der räumlichen Entfernung sollte sich in Bremen-Nord etwas eigenes etablieren.
Christine Andréu: 1976 habe ich als Referendarin in einer Sonderklasse für verhaltensgestörte Kinder angefangen. Die erste Klasse an einer Regelschule war in der Schule Am Wasser untergebracht. Ich habe mit einer weiteren Klasse begonnen. Und das hat sich dann in verschiedenen Schulen bis nach Blumenthal entwickelt.
Wir waren da noch der Sonderschule Kerschensteinerstraße zugeordnet.
Thomas Schipfer: Wir hatten damals einen doppelten Titel: Sonderschule für Lernbehinderte – Kleinklassen für Verhaltensgestörte. Sehr viele Lehrkräfte, die damals KlassenlehrerInnen von Kleinklassen waren, haben unser Förderzentrum mit entwickelt. Sie hatten damals bis zu 12 SchülerInnen in ihrer Klasse und waren – als isolierte Klasse – an einer Regelschule untergebracht.
Christine Andréu: Dabei fand aber auch ein Austausch mit den Regelklassen statt. Wir haben schon damals Kinder „zurückgeben“ können.

Thomas Schipfer: Wir hatten dann 8 Kleinklassen in den Jahrgängen 1 – 6 und merkten: Das ist ein Fass ohne Boden. Wir könnten immer neue Klassenverbände aufmachen. Kaum ist ein schwieriges Kind aus einer Regelklasse herausgenommen, wächst das nächste schwierige Kind in dieser Klasse nach. Wir merkten: So kann es nicht weitergehen. Wir können diese Schulart nicht aufblasen wie einen großen Luftballon. Und deshalb wurde hier 1994 die Förderzentrumsentwicklung gestartet. Die sonderpädagogische Kompetenz in Bremen wurde in drei Bereiche unterteilt: Blumenthal, Vegesack und Burgdamm. Wir hatten im Rahmen der Kleinklassenverbände schon mit Formen der Kooperation begonnen. Der Anstoß war, dass wir sahen: Legen wir verhaltensgestörte Kinder in einem Klassenraum zusammen, so häufen sich die Verhaltensauffälligkeiten. Die Orientierung an der „Normalität“ geht verloren. Wir brachten damals traumhafte Ressourcen mit in die Regelschule: Wir hatten für 6 SchülerInnen 32 Lehrerwochenstunden. So haben wir mit der Kooperation bis hin zu einer generellen integrativen Beschulung begonnen.

Heißt das, dass das Förderzentrum Burgdamm jetzt insgesamt keine eigenen Klassen mehr hat?
Thomas Schipfer: Das heißt das. Wir sind das einzige Förderzentrum, das von Klasse 1 bis 10 durchgängig integrativ arbeitet. Damit haben wir in der Sek. I 1996 begonnen, gemeinsam mit dem Schulzentrum an der Helsinkistraße und dem Schulverbund Lesum. Dieser Prozess hat sechs Jahre gedauert, jedes Jahr kam die neue fünfte Klasse dazu. Es wurde jeweils pro Schule und Jahrgang eine Schwerpunktklasse gebildet. Seit vier Jahren haben wir überall einen gemeinsamen Abschluss in der 10. Klasse.

Wie ist in diesen Schwerpunktklassen das Verhältnis von Kindern mit und ohne gemeldetem Förderbedarf?
Thomas Schipfer: Es sind etwa 6-7 FörderschülerInnen in diesen Klassen, also etwa ein Drittel. Die SchülerInnen werden in den Regelschulen bei der Lehrerzuweisung mitgezählt. Wir haben in diesen Klassen dann die Aufgabe der zusätzlichen sonderpädagogischen Förderung. Das ist so eine Art Doppelzählung.
Was sind die Hauptvorteile dieser Integration?
Wir erleben die gemeinsame Beschulung als Korrektiv für die entwicklungsgestörten Kinder. Es geht bei bei diesen Kindern ja überwiegend nicht um kognitive Dinge, sondern um Verhaltensmodifikationen.
Christine Andréu: Wir sind ein Förderzentrum LSE (Lernen, Sprache und Entwicklung). Im Bereich Sprache und Entwicklung haben wir hier ein zusätzliches ambulantes Angebot.
Thomas Schipfer Man muss an dieser Stelle erläutern, was Kooperation für uns bedeutet. Bei schlechter Kooperation haben die Sonderpädagogen einen Status als „Beistell-Lehrer“. Sie kommen in den Klassenraum, betrachten den Unterricht der Klassenleitung und helfen ab und zu den Förderkindern.
Dreh- und Angelpunkt einer guten Kooperation ist die Teambildung. In den Schwerpunktklassen muss ein Unterricht gestaltet werden, der Platz für zwei Lehrkräfte hat. Der homogene, gleichschrittige Unterricht konnte gar nicht mehr praktiziert werden, und das hatte für alle SchülerInnen, auch die RegelschülerInnen, Vorteile. Gemeinsame Beschulung bedeutet immer, dass der Unterricht differenziert werden muss. Dabei haben die Formen eine enorme Bandbreite. Bildlich: Neben den roten Teppich des Regeschullehrers treten die Angebote und Qualifikationen der Sonderschul-Lehrkraft. Davon haben alle SchülerInnen etwas.
Es gibt natürlich auch einige Schattenseiten. Unsere schwer lernbehinderten Kinder haben manchmal Probleme, durch den Schulvormittag zu kommen. Die Klasse hat eine Stundentafel von ca. 30 Wochenstunden. Etwa die Hälfte der Zeit ist die sonderpädagogische Lehrkraft da. Da kann man sich ausrechnen, wie lange die Kinder ohne diese zusätzliche Hilfestellung auskommen müssen – speziell bei den Fachanteilen, z.B. in Physik. Hätten wir mehr Stunden, könnten wir auch dort noch mehr erreichen. Das ist für mich primär ein Ressourcenproblem.
Gibt es auch äußere Differenzierung?
Thomas Schipfer Sieht man sich die Stundenpläne unserer Kolleginnen und Kollegen an, so handeln sie im Rahmen ihrer Teams nach der Maxime: Welche Schüler haben wir und wie werden wir ihnen gerecht? So viel wie möglich zusammen, so wenig wie möglich getrennt. Dabei ist die äußere Differenzierung nicht ausgeschlossen, aber nicht in einer festgelegten Stundenzahl vom Planungstisch der Schulleitung aus. Das entspricht der pädagogischen Autonomie der einzelnen Teams. Dabei gibt es phasenweise auch Einzelförderung. Für die Teams ist es eine große Motivation, die Förderpläne eigenständig zu entwickeln. Das System ist sehr flexibel.
Seit vier Jahren gehen die SchülerInnen nach der vierten Klasse in den Schulzentren nicht mehr in die Orientierungsstufe, sondern in die Sekundarschule über. Wie wirkt sich das aus?
Thomas Schipfer: Einige Kollegen sagen deutlich, dass die Sekundarschule in den Klassen 5 und 6, in der es jetzt nicht mehr die ganze Bandbreite mit den GymnasialschülerInnen gibt, zu einer Verengung geführt hat. Das ist ungünstig für die gemeinsame Beschulung.
Christine Andréu: Es war allemal günstiger, in Klasse 5 und 6 die ganze Bandbreite zu haben. Wir haben auch Überlegungen zur Kooperation mit dem Gymnasium, gerade im Bereich der Verhaltensgestörten. Außerdem hatten wir Integrationsklassen mit geistig behinderten SchülerInnen. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Das ist leider mit der Begründung zu hoher Kosten ganz eingestellt worden. Ich glaube aber nicht, dass das im Endeffekt so viel teurer war. Wenn in Zukunft wieder eine stärkere Durchmischung in den 5. und 6. Klassen da wäre, dann wäre das für unsere SchülerInnen gut. Das wichtigste dabei ist aber, dass es ein gut funktionierendes Klassenteam gibt. Das hat höchste Priorität. Und dafür haben wir aber auch gute Bündnispartner in den Schulen.
Das sind die LehrerInnen in der Regelschule, die die Verantwortung für eine Schwerpunktklasse übernehmen?
Christine Andréu: Ja, das sind LehrerInnen, die gemeinsam mit unseren Lehrkräften arbeiten und nicht unterscheiden: „Das sind deine Schüler und das meine, das sind zusammen unsere Schüler“. Wichtig ist auch: Wir haben kein Gebäude. Das hat uns in Bezug auf die Integration das Überleben gerettet.
Wir haben in Bremen seit dem neuen Schulgesetz eine wachsende Zahl von Kindern, die in der 5. und 6. Klasse aus der Regeschule ins Förderzentrum überwiesen werden. Steigt bei euch, in einem integrierten Modell, auch der Anteil der Kinder mit definiertem Förderbedarf?

Thomas Schipfer: Schulzentren, die nicht eine solche Art der Integration haben, erwarten eine Hilfe dadurch, dass ihnen diese Kinder abgenommen werden. Bei uns können die Partnerschulen eine Hilfe im Umgang mit diesen Kindern erwarten. Das ist ein großer Unterschied. Für die Förderung erhalten wir einen Stundenpool. Früher gab es eine schülerzahlbezogene Zuweisung und manchmal auch so etwas wie die „Ressourcensicherungsdiagnostik“. Unsere Partnerschulen prüfen mit uns zusammen ganz akribisch, ob es Sinn macht, Förderbedarf anzumelden. Dass sich SchülerInnen in Klasse 5 oder 6 als lernbehindert herausstellen, kommt ganz selten vor. Das muss dann ja vier Jahre lang im Grundschulbereich unentdeckt geblieben sein. Bei Verhaltensauffälligkeiten nehmen wir uns gemeinsam dieser Schüler an und versuchen Projekte und Strategien zu entwickeln, um sie zu fördern und zu fordern. Neumeldungen kommen sehr selten vor. Klagen über die Klippen im System beim Übergang von Klasse 4 nach Klasse 5 haben wir allerdings auch immer wieder.
Christine Andréu: Dadurch, dass wir in den Klassen sind, arbeiten wir natürlich auch präventiv. Wir „verhindern“ dadurch auch den einen oder anderen „Sonderschüler“. Wir sind bei den Gesprächen dabei, wir können die Beratungsstellen einschalten, und das schätzen die KollegInnen. Wir kümmern uns mit um die Klasse.
Thomas Schipfer: Das wirkt sich nicht nur auf die Schwerpunktklasse aus. Unsere KollegInnen sind gleichzeitig Ansprechpartner für die Sorgen und Nöte in den anderen Klassen. Sie sind vor Ort und gucken auch nach links und nach rechts. Wir profitieren von der Qualität der Fachlehrkräfte und sie profitieren von unserem sonderpädagogischen Knowhow. Dieser Transfer wird so gut geleistet, weil die Wege so kurz sind.
Wie sehen das die Eltern in den Schwerpunktklassen?
Thomas Schipfer: Am Anfang wurden die Eltern der vierten Klassen über unsere Pläne informiert und da gab es zunächst einige verhaltene Reaktionen. “Mein Kind soll ja auch einen ungestörten Unterricht genießen und einen guten Abschluss bekommen.“ Inzwischen hat sich unsere Arbeit herumgesprochen und wir müssen einige Eltern ablehnen, die ihr Kind in der Schwerpunktklasse haben möchten. Sie wissen, dass in diesen Klassen bewusst durch zwei kompetente Lehrkräfte gefördert wird. Das System wird inzwischen von allen Schulen getragen. Die Zusammenarbeit mit uns ist Bestandteil der Schulprogramme der Partnerschulen, die Eltern im Bezirk stehen geschlossen dahinter.
Bei uns soll die idealtypische Förderlehrkraft nur an einem Standort eingesetzt sein, um besser kooperieren zu können. Das haben wir weitgehend erreicht.
Wie gestalten sich die Abschlüsse?
Thomas Schipfer: Bei den Abschlüssen müssen wir uns natürlich entsprechend den Normen verhalten. Wir vergeben verschiedene Arten von Abschlüssen bis hin zum erweiterten Hauptschulabschluss.
Unsere SchülerInnen genießen die Einbindung in die Berufsvorbereitung, gemeinsam mit den Regelschülern. Da haben wir in den letzten Jahren Fortschritte gemacht, die Praktika laufen zum Teil sehr gut.
Was kann man KollegInnen in anderen Schulbezirken empfehlen, die so etwas angehen wollen?
Christine Andréu: Man muss den Kollegien der Regelschulen etwas bieten, damit sie auch merken, dass es eine längerfristige Entlastung gibt. Der Findungsprozess bedeutet natürlich auch Mehrarbeit. Ganz wichtig ist dabei: Es handelt sich um ein hoch kommunikatives System. Wir als Schulleitung sind unentwegt unterwegs, immer auf den Fallbesprechungen und den Konferenzen, auf Teambesprechungen. Wenn man als Leitung nur in seinem Gebäude bleibt, dann hat man keine Chance.
Thomas Schipfer: Auch bei uns ist das System kein Selbstläufer. Es muss ständig neu gestützt, gemauert und getragen werden.
Christine Andréu: Den Schulen sind in den letzten Jahren viele Differenzierungs- und Förderstunden weggenommen worden. Da wurde natürlich der Ruf nach Hilfe unsererseits immer lauter.
Thomas Schipfer: Die mangelnden Fördermöglichkeiten der allgemeinbildenden Schule erhöhen den Druck auf das Förderzentrum. Wir haben einige Regularien mit den Partnerschulen verabredet, die eingehalten werden, z.B. dass die FörderzentrumskollegInnen nicht die Vertretungsreserve der Regelschule sind.
Christine Andréu Das entscheidende bleibt die Kontinuität und Qualität der Teams.

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