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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ November 2007 16.11.2007 Ein außergewöhnlicher Lernort an der... | ||||||
| 16.11.2007 Ein außergewöhnlicher Lernort an der Uni | ||||||
| Die Grundschulwerkstatt im Interview | ![]() | |||||||||
| Im Rahmen unserer Berichterstattung über Ausbildungsfragen haben wir uns dieses Mal für ein Gespräch mit der Grundschulwerkstatt entschieden. Das Team hat im Jahr 2006 den Berninghausen-Preis "für ausgezeichnete Lehre und ihre Innovation" bekommen. "Sie zeichnet sich in ihrem Wirkungskreis aus durch ein hohes Maß an Befähigung der Studierenden zu Selbststeuerung, Selbstorganisation, Selbstbestimmung und damit zum Selbststudium. ... Die Kongruenz von Inhalt und Methode des Unterrichts ist besonders hoch." (Begründung des Akademischen Senats für den Preis) GesprächsteilnehmerInnen waren:
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| Anja und Michael, bei eurer Auswahl waren Studierende beteiligt. Wie kam das? | ||||||||||
| Anja: Die Studierenden haben die Bildung der Grundschulwerkstatt überhaupt initiiert. Es gab eine Gruppe, die sich aus einer Unzufriedenheit heraus dafür eingesetzt hat. Sie wurden theoretisch mit Aspekten wie „offener Unterricht“ und mehr Beteiligung der Kinder konfrontiert – aber auf sehr frontale Art und Weise. Frau Spitta hat dann in ihren Berufungsverhandlungen die Stelle ausgehandelt, die wir drei jetzt bekleiden. Dabei wurden die Studierenden an den Einstellungsgesprächen beteiligt. | ||||||||||
| Was ist hier anders? Was können Studierende in der Grundschulwerkstatt machen? | ||||||||||
| Alexa: Man hat hier die Möglichkeit, Bücher auszuleihen, man trifft hier immer Leute, die man etwas fragen kann und man kann Tutorien besuchen, die den Bereich „Schlüsselqualifikationen“ im Studium abdecken. Es gibt zum Beispiel Gitarrespielen und viele andere Möglichkeiten, die nah am Unterrichtsgeschehen dran sind. Ina: Ich habe die Tutorien als sehr angenehm empfunden. Es gibt keinen anderen Ort an der Uni, wo ich so viele Fragen stellen kann. Michael: Wir haben einen Etat und können TutorInnen einstellen, die wir dann beraten. Wir haben hier eine Lernwerkstatt mit vielen unterschiedlichen Ecken, die unterschiedliche Zugänge möglich machen. Man kann hier nicht nur zusammensitzen, man kann Ideen, die entstehen, sofort handlungsorientiert umsetzen, weil viel Material vorhanden ist. Es gibt eine Freinet-Druckerei, es gibt eine Ecke mit PC’s zum Recherchieren. Wir hören oft von Studierenden und auch von ReferendarInnen, die hierher zurückkommen: „Wir hören in den Veranstaltungen, wie offener Unterricht geht, aber wir erfahren es nicht.“ Wir versuchen hier ein Ort zu sein, der nicht nur das Wissen darüber bedient, sondern auch Erfahrung ermöglicht. Anja: Wichtig ist die Kombination. Hier ist nicht nur ein Raum, in dem man sich innerhalb der anonymen Universität wohlfühlt, hier besteht auch noch die Möglichkeit, auf Inhalte Einfluss zu nehmen. Wir haben gerade zwei Tutorien evaluiert und die Rückmeldungen von den TeilnehmerInnen waren einhellig: Ich konnte Einfluss nehmen, ich habe die Relevanz für mein späteres Berufsleben gespürt und ich habe mich wohl gefühlt. | ||||||||||
| Wie sieht es im Moment mit der Begleitung der Praxisphasen im Studium aus? | ||||||||||
| Ina: Die Praktika werden mal besser und mal schlechter durch Lehrveranstaltungen begleitet, durch Lehrbeauftragte oder auch vom LIS. Das letzte Praktikum wurde von einer Lehrerin begleitet, die jetzt im Ruhestand ist. Alexa: Bei unserem nächsten Praktikum ist noch nicht klar, wer es begleitet. Es fehlt an Menschen dafür. Die Veranstaltungen sind noch nicht abgedeckt. Ina: Das betrifft unser viertes Praktikum, das fachdidaktische Praktikum in Mathematik. Anja: Die Grundschulwerkstatt kann das nicht leisten. Wir haben in einem FaBiWi-Durchgang ca. 250 Studierende. Und jetzt beginnt gerade der dritte Durchgang. Michael: Unsere Verknüpfung zum Studium liegt vor allem in einem anderen Feld. Die Studierenden müssen neun „Credit-Points“ im Bereich Schlüsselqualifikationen sammeln. Das ist ein Metier, für das wir hier etwas tun können: Wenn sich jemand für das Modul „Lernwerkstätten als Orte selbstorganisierten Lernens“ interessiert und hierher kommt, ist er von Beginn an auch Teil des Teams und mitverantwortlich, dass die Lernwerkstatt auf der organisatorischen Ebene funktioniert, sich weiterentwickelt und das inhaltliche Angebot bereithalten kann. Man wird aktiver Mitorganisator der Werkstattarbeit. Anja: Die Studierenden haben kaum noch die Möglichkeit, Angebote wahrzunehmen, die über die Pflichtveranstaltungen hinausgehen – nicht aus Desinteresse, sondern weil sie dafür eigentlich keine Kapazitäten mehr frei haben. | ||||||||||
| Wie viele Semesterwochenstunden habt ihr eigentlich? | ||||||||||
| Ina: Nie weniger als 22. Im letzten Semester waren es 23. Das ist auf eine 40-Stunden-Woche ausgelegt. Eigentlich empfinde ich das Studium als ein Sammeln von „Credit-Points“ und ein Sammeln von guten Noten. Viele kommen auch in die Grundschulwerkstatt, weil man auch hier „Credit-Points“ bekommen kann. Dieses „ich habe jetzt frei und will etwas nur für mich tun“ ist so gut wie nicht vorhanden. | ||||||||||
| Die Credit-Points scheinen ja jetzt die Münze zu sein, in der alles bezahlt wird. | ||||||||||
| Ina: Leider. Ich empfinde es manchmal schlimmer als in der Schule, wie ich Sachen aufgepfropft bekomme. Michael: Da hat sich sehr viel verändert gegenüber den Teams, die hier am Anfang die Verantwortung übernommen haben. Die sind aus freien Stücken gekommen und haben eine tolle Chance gesehen, sich selbst auf ihrem Weg zur Lehrerin zu entwickeln. Manche haben ganz vorsichtig begonnen und mit Blumengießen angefangen, um am Ende den ganzen Etat zu verwalten. Und Organisationsentwicklung ist ja heute auch ein wesentlicher Aspekt von Lehrerarbeit. Ina: Im fünften Semester haben wir jetzt endlich ein wenig Luft, was die Stunden angeht. Ich habe mir jetzt ein paar Veranstaltungen herausgesucht, die mich interessieren. Aber ich weiß noch nicht, ob ich reinkomme, weil ich auch noch gar keine Erfahrung damit habe, freiwillig Veranstaltungen zu besuchen Ich merke auch, dass sehr viele Kommilitonen Geld verdienen müssen, wenn sie etwas mehr Zeit haben. | ||||||||||
| Wie sieht es mit Werkverträgen an der Schule aus? | ||||||||||
| Alexa: Ich wollte gerade mit einem anfangen, aber aus rechtlichen Gründen wurde mir das verwehrt. Ich habe ein Tutorium an der Uni gehabt, und jetzt kann ich angeblich nicht noch einmal einen befristeten Vertrag bekommen. | ||||||||||
| Was haltet ihr davon, dass im Rahmen solcher Werkverträge immer mehr Vertretungsunterricht stattfindet? | ||||||||||
| Anja: Man kopiert dann oft Muster, die man gesehen hat. Dabei wird oft wenig reflektiert, sondern nachgemacht. Man muss bei diesen Vertretungsstunden so ins kalte Wasser springen, dass man oft die Strukturen übernimmt, die man noch knapp gesehen hat, bevor man vertreten musste. Ina: Die Reflexion ist nicht gegeben. Vor- und Nachbereitung findet sehr wenig statt. Es war zeitweise wirklich so, dass ich um 8.00 Uhr die erste Veranstaltung hatte und dann um 19.00 Uhr wieder weggegangen bin. Das ist eigentlich sehr schade. Man hat nicht die Zeit, das zu verarbeiten. Viele sagen: „Ich vergesse total viel und habe viel zu wenig Zeit.“ Ich lerne für die Klausur wie in der Schule, schreibe sie, und fange danach an, das Nächste einzupauken, weil ich ja nur noch drei Tage Zeit habe. Danach wird das dann wieder gelöscht. Irgendwann bin ich dann mit den Klausuren fertig und habe die Hausarbeiten zu schreiben. Auch da kann ich mich nicht wirklich ausgiebig mit einer Frage befassen. Es ist eine totale Überfrachtung. Wir haben gar nicht die Möglichkeit, ein Buch von vorne bis hinten durchzulesen. Ich kann Zitate verwenden, und wenn ich Glück habe, habe ich das richtige erwischt. Das ist verdammt schade. Sven: Die Überfrachtung wird teilweise von Dozent zu Dozent weitergegeben. Da werden in jeder Veranstaltung Literaturlisten mit über 30 Büchern verteilt. Jeder Dozent hat seine Bücher zusammengestellt, weil sie gut sind, weil sie thematisch passen, und fragt dann: „Warum, bitteschön, lesen die Studenten das nicht? Warum werden Texte nicht bearbeitet? Warum kommen Diskussionen nicht zustande?“ Und von studentischer Seite entsteht das Gefühl: Ich kann gar nicht leisten, was von mir gefordert wird. Das ist eine Überforderung von vornherein. Manche können gut selektieren und kommen in dieser Struktur ganz gut durch und manche gehen auch unter. Sie schaffen es einfach nicht. Anja: Ich beobachte auch, dass durch die Umstellung jedes kleine Stück jetzt scheinbar abgeprüft werden muss. Das führt zu einer Flut, auch für die Lehrenden. Wir haben uns da selbst Berge von Hausarbeiten, Portfolios – unter denen man offensichtlich eine riesige Vielfalt von Dingen versteht – aufgehäuft, so dass man das gar nicht mehr bewerkstelligen kann. Ich vermute, dass das vielen Lehrenden so geht und es muss mittelfristig der Moment kommen, wo es für beide Seiten nicht mehr tragbar ist. Wir haben in unserer Broschüre für Erstsemester versucht, die „versteckten Dickmacher“ herauszuarbeiten. Wir haben festgestellt, und der StuGa hat das sehr schön aufgezeigt, dass neben den offiziell formulierten Ansprüchen für die Leistungsbescheinigungen in einem Seminar immer noch ganz viele Kleinigkeiten hinzukommen. Auch Lehrende sind da offensichtlich nicht diszipliniert genug. Da muss plötzlich doch noch ein Protokoll geschrieben oder eine Präsentation gemacht werden. Das ist eine Flut von Ansprüchen, die man nur noch mit einem Mut zur Lücke bewältigen kann. Alexa: Hätten wir nach dem Abi nicht ein Jahr erst einmal etwas anderes gemacht, hätten wir noch nach der alten Studienordnung studiert. Das wäre für uns mit weniger Verpflichtungen und mehr Wahlmöglichkeiten verbunden gewesen. Ina: Ich bin mit ganz anderen Augen ans Studieren gegangen. Ich dachte: Endlich kann ich Sachen machen, die ich will, nicht so wie in der Schule – „Du musst jetzt Englisch machen, du musst jetzt das machen, was du eigentlich nicht so richtig magst.“ Dann kam ich hierher und der Traum ist so schnell zerplatzt, da kann man nicht zugucken. Ich hätte z.B. Lust, mich mit Deutsch zu beschäftigen, obwohl ich Mathe studiere. Ich finde, ohne zu wissen, was Schriftsprachenerwerb bedeutet, kann ich nicht ins Praktikum gehen. Aber ich weiß nicht, ob ich dazu noch die Kraft habe. Ich weiß, es geht vielen so, dass ihnen dazu dann die Kraft fehlt. Man spricht ja auch schon vom Burnout, bevor man in die Schule geht. | ||||||||||
| Ihr habt von Zensurendruck gesprochen. Wie sehen die Chancen aus, nach dem Bachelor überhaupt einen Master-Studienplatz zu bekommen? | ||||||||||
| Michael: Aus dem Akademischen Senat kommt die Zahl von einem Drittel Masterstudienplätzen, die angestrebt werden soll. Ich habe bisher von nirgendwo eine Antwort bekommen, was mit den Bachelor-Studierenden werden soll, die nicht zum Master zugelassen werden. Anja: Es gibt ja auch kein Berufsbild dafür. Michael: Die ersten sind in einem Jahr so weit. Die, die dann nicht zugelassen werden, stehen mit einem großen Fragezeichen im Rucksack auf der Straße. Alexa: In einer Veranstaltung des Zentrums für Lehrerbildung wurde gesagt, dass alle mit dem Bachelor-Abschluss auch die Möglichkeit zu einem Master-Studium erhalten sollen. Aber nach dem AS-Beschluss stimmt das gar nicht mehr. Michael: Man bekommt überall unterschiedliche Antworten. Die jungen Leute fühlen sich wie Versuchskaninchen, die nicht wissen, unter welchen Bedingungen sie eigentlich was leisten müssen. Anja: Und sie wissen auch nicht, ob sie woanders den Master machen können. Bachelor und Master haben den Anspruch, ganz global zu gelten, aber im Lehramtsbereich ist schon die Landesgrenze eine Barriere sonder gleichen. Ina: Wenn man Kommilitonen sagt: „Eh kommt, wir müssen dagegen etwas tun“, kommt „die erwarten das ja von uns, das muss ich so hinnehmen wie in der Schule“. Wie wenn man jahrelang ein Essen vorgesetzt bekommt, das man eigentlich nicht mag. Unsere Generation ist eine von Allesessern. Sie isst alles, was sie vorgesetzt bekommt. Anja: Man muss natürlich auch sehen, unter welchem Druck die Studierenden stehen. Das merken wir auch in der Grundschulwerkstatt. Wenn die Studierenden bei uns ihre Credit-Points haben, dann sind sie oft weg. Wir würden natürlich gern Angebote machen, die weiter gehen. Ina: Und man muss sehen, dass viele arbeiten müssen. Und die, die mit Kind studieren, sind wirklich zu bewundern. Alexa: Es ist zunehmend vom Geld der Eltern abhängig, ob ich studieren kann. Es gibt zu wenig Möglichkeiten zu arbeiten. Und es gibt keine drei Monate Semesterferien, in denen ich so viel verdienen kann, dass das Geld reicht. Viele arbeiten am Wochenende. Sven: Für manche ist diese starke Strukturierung auch positiv. Dass sie genau gesagt bekommen: Wann muss ich was machen. Mit der früheren Offenheit der Universität waren manche auch überfordert. Michael: Das hat damit zu tun, dass das Studium oft unzureichend begleitet wurde und dadurch manches unverbindlich geworden war. Im Prinzip geht es aber darum, dass wir alle lernen, unser Lernen selber in die Hand zu nehmen, selbst organisiert zu arbeiten. Wir brauchen für die neue Rolle von LehrerInnen als Begleiter von Lernprozessen welche, die das für sich selbst realisiert haben. Hier gibt es aber zu viele Strukturen, in denen die Studierenden nur „hinterherdenken“ sollen. Das gibt zwar auf der eine Seite eine gewisse Sicherheit, aber das, was wir nachher Kindern mitgeben sollen – selber denken -, haben wir auf diese Weise nicht ausreichend für uns selbst gelernt. Sven: Da klafft natürlich die Schere sehr stark auseinander. Einerseits soll später an der Schule subjektorientierter Unterricht gestaltet werden, aber andererseits muss im Studium im Gleichschritt durch die Ausbildung marschiert werden. Bei diesen engmaschigen Strukturen fehlt die Vertiefung um eine Frage mal bis zur Gänze zu verfolgen. | ||||||||||
| Ihr seid aufgefordert worden, ein neues Konzept für eure Arbeit zu schreiben. Was ist der Grund? | ||||||||||
| Anja: Was unsere Personalsituation angeht, so gibt es die Auskunft, dass die Grundschulwerkstatt noch für ein Jahr mit einer ganzen Stelle ausgestattet ist. Die ehemalige Sek.I -Werkstatt existiert in dieser Form nicht mehr. Stattdessen gibt es jetzt eine Forschungswerkstatt, die einer Professur zugeordnet ist. Dann sollen beide Werkstätten zusammen nur noch mit einer vollen Stelle ausgestattet sein. Wir sollen uns mit diesem Konzept also teilweise selbst wegrationalisieren. Michael: In den Protokollen steht das als Vorgabe. Es ist aber absolut undenkbar, das, was wir hier tun, mit der Hälfte an Personal zu realisieren. Anja: Dabei ist die Anzahl der Studierenden angewachsen. Früher waren wir nur für die Primarstufe Anlaufpunkt. Jetzt sind wir für alle zuständig, die nicht GymnasiallehrerIn studieren. Michael: Ob, in welcher Form und mit welchem Ressourcen-Rahmen nach dem kommenden Sommer die Werkstatt-Arbeit hier weitergehen wird, dafür werden Rektorat und Fachbereich Anfang nächsten Jahres eine Lösung finden müssen. Nicht allzu zuversichtlich sind wir, weil niemand von den KollegInnen von der eigenen Ausstattung etwas abzugeben hat. Alle arbeiten hier ohnehin schon über ihrer Kapazitäts- und Belastungsgrenze. | ||||||||||
| Die Autonomie besteht darin, die Kürzungen selbst umzusetzen. | ||||||||||
| Anja: Auf Verwaltungsebene gibt es teilweise ein ganz anderes Verständnis von Lernprozessen. Wir sind nicht nach reinen Output-Kriterien messbar. Sven: Der Beratungs- und Kommunikationsaspekt ist in unserer Arbeit sehr bedeutsam. Bei den Naturwissenschaften würde niemand die Notwendigkeit von Laborplätzen bestreiten. Vielen Dank für das Gespräch. Die Fragen stellte Jürgen Burger | ||||||||||