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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ September 2006 16.09.2006 Dumme Jungs und zickige Mädchen Teil 2 | ||||||
| 16.09.2006 Dumme Jungs und zickige Mädchen Teil 2 | ||||||
| von Martin Korol | ![]() | |||||
| Einige von diesen Girlies traf ich später wieder. Sie waren Mütter geworden. Fast alle waren zur Vernunft gekommen und angenehm im Umgang geworden, hilfreich für ihre Kinder und unsere Schüler. Einige wenige aber waren noch zickiger geworden, lieblos und borniert statt liebevoll und klug. Sie beschäftigten uns mitunter über Monate und Jahre und traten nur zu gerne Konflikte mit Lehrern los. Es ging ihnen selten um eine Sache, die nicht mit etwas gutem Willen richtig zu stellen gewesen wäre, sondern darum, Wut abzureagieren, die sich woanders angesammelt hatte. Diese Mütter waren ständig auf der Suche nach Fehlern, die wir Lehrer machten. Wer sucht, der findet. Sie wurden immer wieder fündig. Einmal kam ich aus dem Lehrerzimmer und war auf dem Weg in die 5 R. Auf dem Flur stellte sich mir eine Dame in den Weg und sprach mich an. Ich kannte sie nicht. „Sind Sie Herr Reichpietsch?“. „Jaaaah“. „Es geht um Patrik, Klasse 10 G. Sie haben …“. „Einen Moment, bitte!“, unterbrach ich sie, „hatten wir einen Termin? Habe ich da etwas vergessen?“. „Wie, was?! Termin?!“ „Ja, ein Termin! In die Autowerkstatt und zum Arzt gehen Sie doch auch nur nach Anmeldung, es sei denn, es liegt ein Notfall vor.“ „Aber …“. Sie wollte wohl sagen, dass ich ja nur ein Lehrer sei. Ich verstand die Mutter. Unsere Arbeit und unser Engagement werden in Deutschland noch weniger Wert geschätzt als die von Journalisten und Politikern. Doch ich gab dem Affen Zucker und wurde zugegebenermaßen ganz Lehrer: „Bitte, fangen Sie keinen Satz mit „aber“ an. Ist jemand in Not.“ „Nein, aber ...“ „Also, ich liebe keine Überfälle. Ein Vorschlag zur Güte: Schicken Sie mir doch am besten erst mal eine Email, dann sehen wir weiter.“ „Da ist ja wohl dreist! Ich werde mich …“. Frau Patriarchin. So führte sie sich auf. „Bossy“ sagen die Amis dazu. 53% unserer Schüler leben bei der Mutter, den Vater sehen sie alle paar Wochen. Daran haben Kinder ordentlich zu knabbern. Hat ein Kind Probleme oder macht es welche, bietet sich aus der Sicht dieser Art Mütter die Schule als Sündenbock an. Sie ist nach deren Ansicht ein Dienstleistungsbetrieb, wir Lehrer sind die Dienstboten. Sind die Noten ihres Kindes nicht gut, sind Schule und Lehrer nicht gut. „Schülerleistung gleich Lehrerleistung“, hieß das in der DDR. Hat eine Schülerin mit einem Lehrer Probleme, empfiehlt es sich, das mit ihm zu besprechen; traut sie sich nicht, zusammen mit der Klassensprecherin; dann mit dem Klassenlehrer, dann mit dem Vertrauenslehrer. Sie lernt, Konflikte selber systematisch anzugehen. Diese Mütter hingegen nahmen Hinweise ihres Kindes ungeprüft als Vorwand für eine sofortige Beschwerde über den Lehrer möglichst weit oben in der Hierarchie des deutschen Beamtentums. Wie die Schillerschen Hyänen traten sie auf Elternabenden auf, spielten sich als Schulaufsichtsbeamte auf und veranstalteten Tribunale über die Lehrkräfte ihres –Kindes, das möglichst noch „hochbegabt“ war oder einer besonderen Förderung bedurfte. Diese Auftritte inszenierten sie zusammen mit ihresgleichen oder assistiert von einem schwächlichen Ehemann oder Lebensgefährten, der vorgeschoben wurde. In glücklichen Fällen mischte sich ein souveräner Schulleiter ein und machte dem Treiben elegant ein Ende. Die Schulaufsichtsbeamten ließen die ihnen anvertrauten Lehrer häufig im Regen stehen, schoben ihnen bisweilen gar den Schwarzen Peter zu: „Sehr unprofessionell Ihr Vorgehen, Kollege Reichpietsch!”. In der Regel verkrochen sie sich in ihre Amtsstuben und verschanzten sich hinter Unzuständigkeiten und Paragraphen. Es ginge doch um die „Zusammenarbeit“ von Elternhaus und Schule! Eben, davon schwärme ich. Ohne unsere Eltern wäre unsere Schule längst am Ende. Wir bräuchten einen Geschäftsführer und Verwaltungskräfte für Finanzen, Räume und Personal, aber statt dessen strich die Behörde uns noch die Stunden unserer Schulsekretärin von 38,5 auf 24 herunter und das just in dem Moment, wo wir Ganztagsschule wurden. Da sprangen Eltern in die Bresche, nun schon seit Jahren. | Autor: Martin Korol, geb. 1944, unterrichtet an einer Gesamt- und Ganztagsschule in Bremen. Seit 1968 Sozialdemokrat und Gewerkschaftler. Verheiratet, drei Kinder. Dumme Jungs und zickige Mädchen, Teil 1 | |||||
| Mancher junge Kurde, Türke, Libanese oder Kasache ruiniert das Ansehen seines Volkes durch asoziales und kriminelles Verhalten, mitunter vehement verteidigt durch seinen machohaften Vater. Da handelt es sich in der Regel um Angehörige der Unterschicht. Die Girlies und Mütter, die ich meine, sind eher in der Mittelschicht angesiedelt. Sie desavouieren durch ihr Verhalten die Mitbestimmung, für die wir Lehrer und Studenten 1968ff. auf die Barrikaden gingen. Wir sind daran nicht ganz unschuldig, sondern trugen zu diesem Missverständnis bei. Gerade die Sozialdemokraten und Gewerkschaftler unter uns verwechselten über Jahrzehnte Bildungspolitik mit Sozialpolitik und Psychologie. Machohafte Väter und zickige Mütter schaden vor allem ihren Kindern, um deren Wohl es ihnen angeblich geht. Sie stürzen sie in einen Loyalitätskonflikt. Kinder wollen, dass Mama und Papa sich lieb haben, als Schüler, dass Eltern und Lehrkräfte sich verstehen. Ist das nicht der Fall, sind sie hin- und hergerissen und blockiert. Ann-Katrins Mama redete zuhause gerne schlecht über die Schule und die Lehrer ihrer Tochter, am schlimmsten sei Herr Reichpietsch. Das Gehirn von Ann-Kathrin dachte in solchen Fällen: „Ich habe meine Mama lieb. Sie findet Schule und Herrn Reichpietsch blöd. Ich auch.“ Das Gehirn weigerte sich zu lernen. Ein Teufelskreis aus Vorwürfen und Versagen entstand. Die Revolutionen von 1523, 1848 und 1918 misslangen. Das Selbstbewusstsein der deutschen Lehrer ist entsprechend gering. Sie neigen eher dazu, sich aufzuopfern, anstatt aufzumucken. Doch Geist, der nicht gegen Dummheit und Faulheit kämpft, ist keiner. | ||||||