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16.05.2008 „Deutschland braucht wieder Eliten!“

Wer aber was ist heute Elite?
Eine Buchbesprechung
von Ingrid Emmenecker
“McKinsey und ich“: Die Reportage von Julia Friedrichs erregte bei ihrem Erscheinen im ZEIT.Magazin großes Aufsehen. Inkognito hatte sich die 25-jährige Journalistin bei McKinsey beworben, in einer Art Selbstversuch das sechs Monate dauernde Auswahlverfahren erfolgreich durchlaufen und anschließend über das zynische Menschenbild und die Verführungsmethoden der weltgrößten Unternehmensberatung geschrieben. Im Februar erschien ihr Buch „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“, es steht inzwischen auf der Bestsellerliste.

Seitenabschnitte:
"Der Laden wieder fit..."
Starke schwach halten?
Spaltung der Gesellschaft
Gegenelite?
Das Buch:

 Deutschland_braucht_wieder_Eliten.pdf
 Vollständiger Artikel
zum Downloaden

Julia Friedrichs studierte Journalistik in Dortmund. Nach einem Volontariat beim WDR arbeitet sie nun als Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen, unter anderem bei „Monitor“. Sie ist fünfundzwanzig, als McKinsey ihr ein lukratives Angebot unterbreitet, - sie soll künftig zur Elite des Landes gehören. Die Elite tritt in einem griechischen Luxushotel in ihr Leben: Sie ist in Griechenland, weil sie sich bei der weltgrößten Unternehmensberatung beworben hatte. Zehntausend junge Deutsche wollen jedes Jahr dazu gehören, schicken ihre Bewerbung, ein bis zwei Prozent davon bekommen ein Arbeitsangebot. An diesem Auswahlverfahren nahm die junge Journalistin teil und wurde zu ihrem Erstaunen angenommen. Sie beabsichtigte jedoch nicht, bei McKinsey anzufangen, sie wollte recherchieren. In den Tagen in Griechenland wird in kleinen Dosen die McKinsey-Philosophie verabreicht: Ihr seid brillant, Ihr seid die Besten, Ihr habt das Potenzial, Europas neue Führungsgeneration zu werden. Wer es schaffe, zu ihnen zu gehören, sagt McKinsey, sei ein Gewinner. Elite. Einer der vierzig Berater setzt sich am Abend zu ihr, erklärt ihr das Leben der Elite: Er habe gerade eine große europäische Fluglinie saniert, Kosten reduziert, Leute entlassen. Die hätten sich ganz schön gesperrt. Er hätte alle Widerstände gebrochen. Jetzt sei der Laden wieder fit ...

"Der Laden wieder fit..."

Der MC-Kinsey-Berater: Ich habe gerade eine große Fluglinie saniert, Kosten reduziert, Leute entlassen. Die haben sich ganz schön gesperrt. Jetzt ist der Laden wieder fit ...

Die Firma hatte im Dezember 2006 vierzehntausend Mitarbeiter weltweit, machte 660 Millionen Euro Umsatz allein in Deutschland. McKinsey baut Unternehmen um, Behörden, Staaten. Die Berater der Firma sind nicht nur mächtig, sondern auch diskret. Sie wickeln ihre Aufträge im Stillen ab, selbst wenn es darum geht, Arbeitsämter, Krankenhäuser und Universitäten „umzubauen“. Auf kritische Fragen antworten sie ungern.

Julia Friedrichs hätte eine von „denen“ werden können, mit einem Vertrag mit 67.000 € Einstiegsgehalt und einem Dienstwagen, - die Eintrittskarte in die Welt der Elite. Doch sie entscheidet sich anders: Sie kehrt in ihre WG in Berlin zurück. Doch das Wort „Elite“ lässt sie nicht mehr los. Sie beginnt zu recherchieren: An Elite-Universitäten, -Akademien, -Internaten, -Stiftungen und -Kindergärten.

Starke schwach halten?

Der Leiter einer Elite-Kita: In den 80er Jahren ging es nur darum, die Starken schwach zu halten. So hat Deutschland Ressourcen verschwendet und hat den Anschluss im internationalen Wettbewerb verloren ...

Zum Beispiel: Bereits die erste Etappe führt sie zu den Studenten der European Business School im Rheingau. Die private Hochschule gibt sich selbst das Label „unternehmerische Eliteschule“ und wirbt, dass sie die „Topadresse für die Führungselite von morgen“ sei. Die Eltern der Studenten zahlen 10.000 € pro Jahr, Verwaltungsgebühr. Knapp 45.000 € bis zum Master. Und wie wählt die Eliteschule die zukünftige unternehmerische Elite aus? Bei der Auswahl der besten zweihundert spielt die Abiturnote der Bewerber keine Rolle. Die Hochschule stellt einen Mathe-, einen Englisch- und einen Intelligenztest. Mit der Note 2,7 qualifiziert man sich für die Einzelgespräche und eine Diskussionsrunde, in der man seine Persönlichkeit beweisen muss. Wer dann zwischen Platz 1 und 200 gerankt wird, darf das Studium beginnen. Aber: Keine Sorge, wer den Schnitt von 2,7 nicht erreicht habe, könne Vorbereitungskurse an der Hochschule belegen: 475 € kostet der Mathekurs, 1450 der Englischkurs, plus Anreise, Unterkunft und Verpflegung . „Nimmt die EBS die Reichsten oder die Besten?“ notiert Julia Friedrichsen auf ihrem Block.

Sie beschließt, mehr zu erfahren und sich die angesehensten Elite-Schmieden anzusehen und baut sich eine Reiseroute zusammen: Sie besucht eine Elite-Kita, Elite-Schulen, Akademien, -Universitäten.

Spaltung der Gesellschaft

Michael Hartmann, Eliteforscher: Mit dem Begriff Elite ist ein Konzept verbunden, das die Spaltung der Gesellschaft vorsieht ...
Zum Beispiel: In Potsdam am See haben Eltern in eine Villa 700.000 € für eine Fünf-Sterne-Kita investiert. Der Basissatz soll monatlich 980 € sein. Die Eltern können einen Chauffeur oder einen Bodyguard buchen, einen Geigen- oder Chinesischlehrer. Den Kindern wird ein Vollwertmenü gekocht, morgens und abends können sie sich am Büfett bedienen. Es gibt eine Sauna, Masseure und Physiotherapeuten. Yoga, Ballett und Meditation werden angeboten. Wer wichtige Termine hat, kann sein Kind auch `mal über Nacht dalassen. Das kostet natürlich alles extra. Auf kritisches Nachfragen erklärt der Leiter, dass es seit den achtziger Jahren nur darum gegangen sei, diese Starken in der Gesellschaft schwach zu halten. So habe Deutschland Ressourcen verschwendet und den Anschluss im internationalen Wettbewerb verloren ...

Die Autorin fragt sich schließlich, ob wir alle umdenken müssen. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass ein Wettbewerb begonnen hat, in dem die Regeln nicht mehr ausdiskutiert, sondern von anonymen Globalisierungskräften diktiert werden. Sie nimmt Kontakt zu Michael Hartmann auf. Hartmann ist Professor, Altachtundsechziger, bekennender Linker , Autor des Buches „Eliten und Macht“ ( in der BLZ Nr. 10/2007 schrieb er den Gastkommentar zum Thema). Ungewöhnlich ist, dass er in der Wissenschaftswelt fast unumstritten ist und seine Forschungsergebnisse auch von der Wirtschaft akzeptiert sind. Er ist überzeugt: „Mit dem Begriff Elite ist aus vielen Gründen ein Konzept verbunden, das eine Spaltung der Gesellschaft vorsieht. Elite heißt Masse auf der anderen Seite.“ Die Leistungselite sei ein Mythos . Ein Mythos, der bewusst geschafft wurde, weil Leistung das einzige Kriterium ist, das die Masse für die Auswahl einer Elite akzeptieren würde. Aber: Das Gerede vom Wettbewerb der Besten sei vorgeschoben. Er hat sich mit seiner Arbeitsgruppe 6500 Lebensläufe von Promovierten angeschaut. Das Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Qualifikation, sondern die soziale Herkunft entscheidet über die Aufstiegschancen.

Gegenelite?

Julia Friedrichs: Gibt es so etwas wie eine Gegenelite? Hartmann: Greeenpeace und die Grünen hat die Leute früher angezogen, jetzt findet man sie vielleicht bei Attac ...

Aber, will die Journalistin wissen, gibt es denn so etwas wie eine „Gegen-Elite“? „Gegen-Eliten kann es eigentlich nicht geben. Elite hat immer mit Machtpositionen zu tun.“ sagt er. Folglich kann jemand, der Macht infrage stellt, schlecht Elite sein. Aber natürlich gäbe es junge Leute, die versuchen, den herrschenden Eliten etwas entgegenzusetzen. Wo man diese Leute fände? will Julia Friedrichs wissen. Greenpeace habe diese Elite früher angezogen, die Grünen auch. Aber sie seien „überaltert“ und inzwischen thematisch viel zu eingeschränkt. Wenn, dann fände man die „etwas schief titulierte Gegen-Elite“ bei den Globalisierungskritikern von Attac...

Julia Friedrichs bezieht einen durchaus kritischen Standpunkt, indem sie den Lebensläufen der meist Gleichaltrigen das eigene Lebensumfeld in ihrer Berliner WGF entgegenstellt und die gesellschaftlichen Zusammenhänge reflektiert. Sie kommt zu dem Schluss, dass die „Eliten-Revitalisierungskampagne“ Wirkung zeigt und die Umsetzung der populären Forderung nach Eliten in vollem Gange ist.. Die junge Elitegeneration steht bereit. Menschen, die gelernt haben, dass es kein Tabu mehr ist, zur Elite zu gehören.

Ein Buch, dass sich spannend wie ein Krimi liest und vieles in dieser, unseren Welt erklärt, - mir jedenfalls.

Das Buch:

  • Julia Friedrichs
    Gestatten: Elite
    Auf den Spuren der Mächtigen von morgen
    Hoffmann & Campe, Hamburg 2008. 17,95 €

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