| von S. Jafer Akhzarati | |
|  |
| Das lange Zeit ignorierte Missverhältnis Dass der zunehmende Anteil der SchülerInnen mit Migrationshintergrund eine Herausforderung für das deutsche Bildungssystem geworden ist, zeigt u. a. die PISA-Studie. Es ist zu begrüßen, dass - immerhin nach dieser Studie und Mahnungen des UN- Sonderberichterstatters sowie der Forderung von Fachleuten – Migration als bildungspolitischer Faktor wahrgenommen und der Bedarf an Lehrkräften mit Migrationshintergrund öffentlich bekundet wird. Während ca. ein Drittel der SchülerInnen in Deutschland (32.5 % der 0 – 6 jährigen und 27,2 % der 25 jährigen) einen Migrationshintergrund hat, haben wir im Gegensatz dazu noch nicht einmal 1,0 % LehrerInnen mit Migrationsbiographien im Schuldienst. Dieses Missverhältnis, das lange Zeit ignoriert wurde, hat sicherlich entscheidend zu Missständen in der Arbeit der Schule im Hinblick auf Zuwandererkinder beigetragen. Beim zweiten Nationalen Integrationsgipfel der Bundesregierung (Juli 2007) wurde seitens der Bundesländer die Selbstverpflichtung ausgesprochen, den Anteil von Lehrenden mit Migrationshintergrund in den nächsten Jahren deutlich zu erhöhen. Im Hinblick auf den Föderalismus-Effekt, die Versäumnisse in der Integrationspolitik und die Erfahrungen aus der Vergangenheit, lässt sich aber die Erwartung einer zeitnahen Umsetzung solcher Versprechungen einschränken. Doch wie kann der Anteil von Lehrenden mit Migrationshintergrund gesteigert werden? Aufgrund des niedrigen Migrantenanteils der Abiturienten wird dieses Missverhältnis auch in der nächsten Generation so bleiben. Der entscheidende Ansatz wäre daher, der Weg über die Erhöhung der Abiturchancen für Einwanderkinder. Die Erhöhung des Migrantenanteils der Lehrkräfte erfordert eine nachhaltige Fokussierung der Bildungspolitik auf Schulerfolge der Zuwandererkinder im Rahmen der Bildungsplanung und Schulentwicklung. Wesentliche Aspekte einer interkulturell orientierten Schulentwicklung, die zur Erhöhung der Anzahl der hochschulreifen Jugendlichen mit Zuwandererbiographien führen könnte, seien hier erwähnt.
|
| |
| 1. Förderung der Mehrsprachigkeit
 |
| Sprachförderung vom Elementarbereich bis zum Abitur. Ein Kind, das zuhause eine andere Sprache als die Sprache in der Schule (Deutsch) spricht, braucht diese Förderung nicht nur in Deutsch, sondern auch in seiner Herkunftssprache. Neben professionellem Deutschunterricht und nachhaltigen Sprachförderkonzepten wäre auch ein Umdenken im Hinblick auf die Wertschätzung der Mehrsprachigkeit angebracht. Dass Förderung der Herkunftssprachen als ein Gegensatz zu der Förderung der deutschen Sprache angesehen wird, hat mit niedriger Wertschätzung der Mehrsprachigkeit zu tun. Türkisch als 2. Fremdsprache wurde zum Teil sogar wieder abgeschafft. Diese Art der negativen Wertschätzung scheint so weit verbreitet zu sein, dass z.T. SchülerInnen aus Zuwandererfamilien selber ihre Mehrsprachigkeit ausdrücklich negativ bewerten.
| |
| 2. Vertrauen, Unterstützungs- und Beratungsbedarf
 |
| SchülerInnen mit Migrationshintergrund brauchen neben konzeptionell nachhaltigen Fördermaßnahmen und gutem Unterricht auch aufgrund ihrer komplexen Lebenswelt vertrauensvolle AnsprechpartnerInnen. LehrerInnen als wichtigste Personenen für die schulische Integration dieser SchülerInnen brauchen interkulturelle Kompetenzen, um entsprechende AnsprechpartnerInnen zu sein. Trotz großer Bedarfslage an Beratung und Unterstützung, nehmen zu wenige MigrantInnen (sowohl SchülerInnen als auch ihre Eltern) die Angebote der schulischen und außerschulischen Unterstützungssysteme in Anspruch. Es scheint einerseits eine Vertrauensbarriere und andererseits einen Mangel an Professionalität der interkulturellen Kompetenzen zu geben.
| |
| 3. Bedeutung der Migrantenfamilien und –communities (3)
 |
| Gerade, wenn wir eine Schulkultur entwickeln wollen, in der auch Zuwandererkinder ihre Potenziale entwickeln können, dann müssen wir auf die Migranteneltern und Migrantencommunities zugehen. Auch bei diesem Aspekten ist die Mitwirkung der Lehrkräfte mit Migrationshintergrund von entscheidender Bedeutung. Weitere wichtige Maßnahmen, die zur Erhöhung des Migrantenanteils bei den Lehrkräften beitragen, sind:
- Einsatz und Schulung von im Schuldienst befindlichen Lehrkräften im Bereich Beratung und Vermittlung zwischen Schule und Migtanteneltern.
- Verpflichtende Verankerung von interkulturellen Kompetenzen in Lehraus- und Fortbildung.
- Die Einstellung jener zugewanderten AkademikerInnen, deren Abschluss - durch unverständliche Bürokratie seit Jahren- nicht anerkannt wird. Nach Einschätzung der Universität Oldenburg leben in Deutschland 500 000 zugewanderte AkademikerInnen, deren Abschluss nicht anerkannt wird.
- Die nicht ausreichende und zu spät begonnene Sprachförderung der Zuwandererkinder führt zur Schwächung der Sprachkompetenz. Dieses hat Auswirkungen auf Arbeitsmarktschancen und den Zugang zu bestimmten Berufsfeldern. Die Hemmnisse zur Ergreifung des Lehrerberufs könnten damit im Zusammenhang stehen. So gesehen, muss die Debatte um positive Diskriminierung offen ausgetragen werden. Quoten für Migranten wären daher wünschenswert.
| |
|  |
| | |
|  |
| | |
|  |
| | |
|
 |  |  |  |  |  |  |