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16.06.2008 Das Ende des Bremer Reformmodells „Sonderpädagogik“

Ein Bericht von der Universität
von Siebo Donker
Am 7. April 2008 verkündete Prof. Müller, Rektor der Uni Bremen, die Umsetzung des sog. „Hochschulentwicklungsplans V“ gegen den Widerstand der Studierenden und weiter Teile der Universität. Damit einher gehen gravierende Stellenkürzungen in etlichen Fachbereichen. Und so wird es zukünftig keinen eigenständigen Studiengang Behindertenpädagogik an der Universität Bremen mehr geben! Namen renomierter WissenschaftlerInnen wie Wolfgang Jantzen, Georg Feuser und Barbara Rohr sind untrennbar mit dem Bremer Studiengang und der Entwicklung einer materialistischen Behindertenpädagogik verbunden. Aber auch Rudolph Kretschmann, Uschi Pixa-Kettner oder Gerhard Homburg, um nur einige zu nennen, haben Wesentliches für den Studiengang wie auch die Weiterentwicklung des Faches geleistet. Ein in seiner Ausrichtung und Schwerpunktsetzung in Deutschland wohl einmaliger Lehr- und Forschungsbereich, der eng mit dem Reformansatz aus der Gründungszeit der Universität Bremen verknüpft war (Stichworte: Projektarbeit, Praxisorientierung, Interdisziplinarität) läuft nun nach 34 Jahren aus.

Seitenabschnitte:

 Ende_des_Reformmodells.pdf
 Vollständiger Artikel
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Dieser Sachverhalt wurde meines Wissens von der Öffentlichkeit weitgehend stillschweigend hingenommen: Mir sind weder Leserbriefe noch Kommentare oder Stellungnahmen von Einzelpersonen, Verbänden oder Organisationen bekannt, die sich zum Ende des Studiengangs äußern. Dies zu ändern ist ein Anliegen meines Artikels.

Für das Ausbleiben jeglicher Reaktionen der Öffentlichkeit mag es zwei Erklärungen geben:

Zum einen haben es Uni-Leitung und senatorische Behörde in einer Art Salami-Taktik verstanden, für eine Schließung auf Raten zu sorgen.
Schon zu meinem Studienbeginn im Jahr 1997 gab es konkrete Pläne, den Studiengang abzuschaffen. Durch immense, gemeinsame Anstrengungen von Lehrenden und Studierenden konnte dies zunächst in den Hintergrund gerückt werden. Viel Energie floss in den folgenden Jahren in die Bemühungen um den Erhalt der Fachräume im Sportturm der Universität – und damit um den Erhalt der Chance, nach Maßgabe der von Prof. Georg Feuser entwickelten Substituierend-Dialogisch-Kooperativen-Handlungs-Therapie (SDKHT) arbeiten zu können, um Menschen, die aus verschiedensten Gründen als „hoffnungslose Fälle“ bzw. als „austherapiert“ galten, eine neue Lebensperspektive zu eröffnen. Ende 2004 war klar, dass diese Bemühungen erfolglos bleiben würden.
Gleichzeitig wurde die Bedrohung des Studiengangs wieder akuter und auch die Aktionen der Studierenden nahmen zu. Das Jahr 2006 stellt diesbezüglich einen Höhepunkt dar, die Proteste der Studierenden und die Bemühungen der Lehrenden des Studiengangs wurden durch zahlreiche Organisationen, darunter auch die GEW Bremen, unterstützt. Letztlich aber muss festgestellt werden: Auch diese Bemühungen waren nicht von Erfolg gekrönt!
So konnte nach etlichen Schreiben an Uni-Leitung, Behörde und Senatoren, nach Gesprächen, Runden Tischen, Demonstrationen und Medienberichten, nach vielen Zusagen und gebrochenen Versprechen das endgültige Aus des bisherigen, eigenständigen Studiengangs Behindertenpädagogik nicht mehr überraschen. Und ich habe wie vermutlich viele andere auch dieses Aus nur mehr resigniert zur Kenntnis genommen.

Zum anderen ist es auch zukünftig möglich, sich an der Universität Bremen mit sonderpädagogischen Inhalten zu befassen:
Es wird die Möglichkeit geben, nach einem 6semestrigen Bachelorstudium auf Grund- oder Sekundarschullehramt, der einige wenige Vorleistungen zu Fragen der Heterogenität in der Schule und Lernen unter erschwerten Bedingungen umfasst, ein 4semestriges Masterstudium „Inklusive Pädagogik“ anzuschließen. Die Studierenden beenden dann ihr Studium mit einem Abschluss für das Lehramt Sonderpädagogik in Kombination mit dem Lehramt an Grund- und Sekundarschulen. Im Referendariat werden sie sich für einen der beiden Wege entscheiden müssen.
Nach dem Aus für den einen Studiengang entsteht also ein neuer mit teilweise ähnlichen Inhalten – und das ist mehr, als es zwischenzeitlich den Anschein hatte! Insofern besteht kein Grund, das Aus des eigenständigen Studiengangs Behindertenpädagogik zu bedauern, oder? Doch! Es gibt eben keine Möglichkeit mehr, ein Diplom der Erziehungswissenschaft mit der Studienrichtung Behindertenpädagogik an der Uni Bremen zu erlangen und auch das Lehramtsstudium Behindertenpädagogik in seiner alten Form läuft aus. Zudem ist die personelle Ausstattung des neuen Studiengangs „Inklusive Pädagogik“ extrem knapp bemessen: Diese besteht aus nur noch zwei Professorenstellen und einer Dozentur! So sollen beispielsweise die beiden Förderschwerpunkte „Lernen“ sowie „emotionale und soziale Entwicklung“ von nur einer Person vertreten werden, die keine Professur, sondern nur eine Dozentenstelle inne hat! Dies bedeutet u.a. einen hohen Umfang an Lehre und keinen Raum für Forschung.

Inwieweit ein in der Breite der Lehrangebote deutlich reduzierter, wieder in klassische Förderschwerpunkte spezialisierter, Inhalte isolierender Masterstudiengang „Inklusive Pädagogik“ die Qualifikationen und Kompetenzen vermitteln kann, die von kritischen Sonderpädagoginnen und –pädagogen erwartet werden, bleibt jetzt nur noch abzuwarten.


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