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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Dezember 2006 16.12.2006 Chronik Sozialabbau 2006 | ||||||
| 16.12.2006 Chronik Sozialabbau 2006 | ||||||
| von Tilo Gräser | ![]() | |||||||||
| 25. Januar Laut Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung wird für 2006 mit einem Plus von 7,25 Prozent für die Unternehmens- und Vermögenseinkommen gerechnet nach 6,1 Prozent im Vorjahr. Der Bericht verzeichnet »eine erneute erhebliche Verschiebung der Einkommensverteilung zu Lasten der Lohneinkommen«. Die Lohnquote (Anteil der Löhne am Volkseinkommen) liege auf dem niedrigsten Stand seit 1991. 24. Februar Rund 3,3 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland leben nach Berechnung des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) trotz einer Vollzeitbeschäftigung an der Armutsgrenze. Sie verdienen weniger als 1.442 Euro brutto im Monat. Jeder sechste Beschäftigte zählt zu den Geringverdienern mit weniger als 1.630 Euro im Monat, der Niedriglohnsektor wächst seit zehn Jahren kontinuierlich. 20. Februar Seit 1991 sind in Deutschland laut Frankfurter Rundschau mindestens 232 Wohnungslose auf der Straße erfroren. In mehr als 30 Prozent der Kommunen gibt es keine Notunterkunft. 35 Prozent der Unterkünfte zwingen die Betroffenen tagsüber auf die Straße, gut 60 Prozent der Einrichtungen begrenzen den Aufenthalt, oftmals auf lediglich drei Tage. 3. März Wie der DGB auf einer Pressekonferenz mitteilt, sind seit 2001 in der Bundesrepublik 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze beseitigt worden. 12. März Der Jahreskongreß der Kinder- und Jugendärzte warnt vor den Folgen des Sozialabbaus bei Kindern und Jugendlichen. Jeder fünfte Jugendliche eines Jahrganges leide an chronischen Erkrankungen wie Asthma, Eßstörungen sowie behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen. Die Ärzte kritisieren, daß die Reihenuntersuchungen an Haupt- und Förderschulen reduziert werden. 28. März Die Nationale Armutskonferenz stellt fest: Die Hartz-IV-Reform führt zu mehr Armut und weniger Rechtssicherheit. Das Arbeitslosengeld II in Höhe von 345 Euro reicht oft nicht aus. Der Andrang auf Kleiderkammern und Essensausgaben verstärkt sich. Unter den Betroffenen sind überdurchschnittlich viele Kinder unter 15 Jahren. Was die Rechtssicherheit betrifft: Rund 90 Prozent der Hartz-IV-Bescheide sind falsch, die Behörden oft überfordert. 29. März Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stellt die deutsche Wirtschaft immer weniger Auszubildende ein. Bundesweit begannen im vergangenen Jahr 559.200 Jugendliche eine Lehre. Das sind 2,2 Prozent weniger als 2004 und zehn Prozent weniger als im Jahre 2000. Auf 100 Schulabgänger kamen 2005 nur noch 58 junge Lehrlinge (2000: 66). 18. April Die Bundesärztekammer hat vor amerikanischen Verhältnissen bei der medizinischen Versorgung armer Menschen gewarnt: Die Zahl der Patienten ohne Krankenversicherungsschutz sei in Deutschland zuletzt auf deutlich über 200.000 gestiegen, sagte ihr Präsident Jörg-Dietrich Hoppe. Menschen mit niedrigem Einkommen sterben nach seinen Angaben im Vergleich zu Wohlhabenden im Durchschnitt sieben Jahre früher. 21. April Laut einer UNICEF-Studie ist Kinderarmut in Deutschland von 1990 bis 2003 stärker gestiegen als in den meisten anderen Industriestaaten: Mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche seien hierzulande arm – die Dunkelziffer liege bei mehr als drei Millionen. 2. Mai Nach einer Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) bedeutet Kinderarmut schlechtere Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Arme Kinder zeigen bei der Einschulung häufiger ein auffälliges Sprach-, Spiel- und Arbeitsverhalten. 30 Prozent der armen Kinder, aber nur 8,4 Prozent der reichen müssen eine Klasse wiederholen. 9. Mai Arbeitsminister Franz Müntefering in der Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion: »Nur wer arbeitet, soll auch essen.« (zitiert nach ZEIT online , 10.5.2006) 24. Mai Aggression, Alkoholismus und Drogensucht, Depression, Selbstmordversuche und Essstörungen nehmen unter Kindern und Jugendlichen zu, warnt der Deutsche Ärztetag in Magdeburg: Fünf Prozent der Heranwachsenden sind behandlungsbedürftig, weitere zehn bis 13 Prozent gelten als verhaltensauffällig. 1. Juni Der Bundestag verschärft mit dem »Fortentwicklungsgesetz« die Hartz-IV-Regelungen. Damit soll die Zahl der ALG II-Empfänger gesenkt werden. 1. Juli Unter 25jährige Langzeitarbeitslose werden, wenn sie unverheiratet sind, in die »Bedarfsgemeinschaft« ihrer Eltern einbezogen. Das bedeutet, daß bei der Berechnung der Ansprüche der Kinder das Einkommen und Vermögen der Eltern berücksichtigt wird. Kindergeld wird als Einkommen angerechnet. Die jungen ALG-II-Bezieher erhalten nur noch 80 statt 100 Prozent der Regelleistung. 10. August 15,2 Prozent der Bundesbürger im Alter zwischen 15 und 24 Jahren waren im zweiten Quartal 2006 erwerbslos, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Damit ist die Erwerbslosigkeit in dieser Altersgruppe etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller anderer Altersgruppen. Als erwerbslos gilt, wer keinerlei bezahlte Tätigkeit ausübt, sich aber um eine solche bemüht. 21. September Die 15. »Shell-Jugendstudie« macht auf zunehmende Zukunftsangst bei Jugendlichen (bis 25 Jahre) aufmerksam. 69 Prozent der Befragten (2002 waren es 55 Prozent) befürchten, die Arbeitsstelle zu verlieren. Zu den Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung und die steigende Armut gesellt sich die Angst, nicht gebraucht zu werden 16. Oktober »Das Alarmierende sind allerdings nicht die nackten Zahlen, sondern die Anzeichen zunehmender Armut«, sagt Jürgen Villard vom Magdeburger Sozialamt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: »Die Menschen gehen nicht mehr zum Arzt, sie holen ihre Kinder nicht nach, sondern vor dem Mittagessen von der Kindertagesstätte ab, sie ziehen sich immer mehr zurück, auch weil sie sich schämen, und haben oft große Alkoholprobleme. Hartz IV klingt in den Ohren Ostdeutscher viel schlimmer als Sozialhilfe.« 20. Oktober Durchschnittlich ungefähr 46 Euro im Monat – etwa 555 Euro im Jahr – werden die Haushalte zusätzlich ausgeben müssen, wenn die Mehrwertsteuer am 1. Januar auf 19 Prozent steigt. Das ergaben Berechnungen des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) auf der Grundlage von Zahlen des Statistischen Bundesamts. 13. November Seit Einführung von Hartz IV in der Bundesrepublik hat sich die soziale Situation nachdrücklich geändert, schreibt das Internet-Magazin Telepolis: 1,89 Millionen Kinder unter 15 Jahren leben mittlerweile in Hartz-IV-Haushalten. Ein Drittel der unter Dreijährigen, die Hälfte der Alleinerziehenden sowie ein Viertel der Paare mit drei und mehr Kindern leben in Armut, so die Bilanz. |
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