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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ November 2007 16.11.2007 Bernhard Bueb oder die Rückkehr der ... | ||||||
| 16.11.2007 Bernhard Bueb oder die Rückkehr der Reaktion | ||||||
| von Micha Brumlik | ||||||||||||
| Unter „Reaktion“ versteht die politische Ideengeschichte theoretische und praktische Positionen, denen es anders als Konservativismus oder Reformismus nicht um ein behutsames Bewahren oder um die umsichtige Weiterentwicklung von Traditionen oder Strukturen geht, sondern darum, auf Revolution oder Reform zu reagieren, also darum, unhaltbar und historisch überwundene Zustände vorgegebener Ordnung möglichst unverändert wiederherzustellen. |
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| Der ehemalige Leiter eines sogenannten Eliteinternats, der langjährige Direktor von Schloss Salem, Bernhard Bueb steht in dieser Tradition und hat damit einen erstaunlichen und unerwarteten Erfolg beim gebildeten Publikum erreicht. Seine Streitschrift „Lob der Disziplin“ stand für Monate auf der Bestsellerliste des SPIEGEL und wurde mehrere hunderttausendmale verkauft. Dass Buebs Streitschrift nichts anderes darstellt, als das Manifest der Reaktion, ist starker Vorwurf, der sich indes am Text belegen lässt, wozu freilich ein längeres Zitat unerlässlich ist: | ||||||||||||
| „Ein ungestörtes Verhältnis zu Disziplin und zu Gehorsam“ so der pensionierte Schulleiter „werden wir erst gewinnen, wenn wir das Machtgefälle zwischen Eltern, Erziehern und Lehrern zu Kindern und Jugendlichen ohne Vorbehalte anerkennen. Ein möglicher Missbrauch darf kein Einwand sein. Wir müssen uns dazu durchringen, legitime Macht als Autorität anzuerkennen, die Macht Gottes, die Macht des Staates und die Macht der Erziehungsberechtigten. Das Christentum besaß immer ein unbefangenes Verhältnis zur Macht. „Alle Obrigkeit kommt von Gott“ (Römer 13,1“ Bei alledem geht es Bueb keineswegs nur um die seit den „Thesen zum Mut zur Erziehung“ aus den frühen siebziger Jahren geläufige Meinung, Erziehungsprozesse nicht einem missverstandenen Demokratieprinzip zu unterwerfen, sondern darum, Demokratie generell unter Soupcon zu stellen. Das wird nicht nur an dem durchaus positiv gesehenen paulinischen Prinzip „Alle Obrigkeit kommt von Gott“ deutlich, sondern auch daran, dass die einzige, zaghafte Einschränkung dieses Dogmas nun doch aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus resultiert. Aber sogar dann kann und will sich der Autor nicht zu einer Anerkennung demokratischer Prinzipien durchringen, sondern beharrt darauf, dass ein „aufgeklärtes Staatsverständnis heute Obrigkeit immer nur im Rahmen eines Rechtsstaates“ anerkennen könne. Der seit der französischen und vor allem US-amerikanischen Revolution maßgebliche Gedanke, dass ein aufgeklärtes Staatsverständnis Obrigkeit nur und ausschließlich im Rahmen einer demokratischen Willensbildung Anerkennung verdient, ist dem Autor fremd. Die dogmatische Bejahung jeder rechtsstaatlich gebundenen staatlichen Macht führt ihn zu dem Wunsch „Unschuld im Verhältnis zur Macht“ wiederzugewinnen, um „unbefangen von Disziplin und Gehorsam sprechen zu können.“ | ||||||||||||
| Dass Personen gerade wegen ihrer Vorbehalte, Befangenheiten und sogar „Schuldgefühlen“ zu einer gefestigten Haltung kommen können, schließt Bueb aus – reflektierte und bewusste Selbstverhältnisse – vormals Inbegriff aller Bildung - in diesem Entwurf nicht vorgesehen. „Wir müssen noch einen weiten Weg“ so Bueb bald sechzig Jahre nach der Verabschiedung des deutschen Grundgesetzes „gehen, bis wir in Deutschland legitime Macht, also Autorität, als prinzipiell gut und segensreich anerkennen und der mögliche oder tatsächliche Missbrauch von Macht für uns kein Einwand mehr ist. Denn die Voraussetzung von jeder Autorität bildet Macht. Aber gerade die emotionale Akzeptanz von Macht wird die Voraussetzung dafür sein, daß wir uns mit der Selbstverständlichkeit von Autorität und Disziplin aussöhnen. Belehrung und theoretische Erkenntnis genügen nicht.“ | ||||||||||||
| Es scheint, als ob der gegenwärtig in allen demokratischen Parteien vorhandende Wille, das existierende mehrgliedrige Schulsystem allmählich zu modifizieren und zu nivellieren, das System der Frühpädagogik kräftig auszudehnen, die Verfestigung einer ihre Kinder in vielen Fällen verwahrlosen lassenden neuen Unterschicht mit ihren problematischen Formen familialen Zusammenlebens zu verhindern und Immigranten zu integrieren, in jenen Fraktionen des deutschen Bürgertums, deren Nachwuchs bisher von dieser Ungleichheit profitiert hat, Protest bis zur Reaktion provoziert. Es ist somit weder ein Zufall, dass sich dieses Bürgertum durch die Gründung immer neuer Privatschulen- mit selbstverständlich stets progressiven Lehrplänen - in wenig solidarischer Haltung aus dem öffentlichen Schulwesen zurückzieht, noch dass sich der Konflikt zwischen bürgerlicher, d.h. gesellschaftliche Spaltung akzeptierender und kleinbürgerlicher – die Spaltung abwehrender - Demokratie vor allem in den konservativen Segmenten der deutschen Gesellschaft und ihres Parteienwesens abspielt. Der kolumbianische Autor Gomez Davila, selbst ein bekennender Reaktionär und Feind der Demokratie, hat alles, was man über die neueste reaktionäre Stimmung im Bereich von Familie, von früher Bildung, Schule und Justizwesen also zu den Äußerungen der Bischöfe, der geschassten Fernsehmoderatorin, des ästhetisierenden Schriftstellers und des Amok argumentierenden Strafrechtlers bis zur Politikerin der Linken schon früh ausgeplaudert, wofür man ihm nur dankbar sein kann. Und er hat auch – erstaunlich genug – schon Jahre, bevor Gesellschaften unseres Typs vor einer neuen demographischen Entwicklung – sinkende Kinderzahlen sowie dramatisch längere Lebenserwartungen – standen, ausgeplaudert: „Das Ideal des Reaktionärs ist keine paradiesische Gesellschaft, sondern eine, die der Gesellschaft gleicht, wie es sie in den Friedenszeiten Alteuropas gab – vor der demographischen, industriellen und demokratischen Katastrophe.“ Bei diesen Bekenntnissen spart der Reaktionär nicht mit offenherzigen Eingeständnissen: „Nur das reaktionäre Denken trägt kein ideologisches Stigma, weil es nackte und freimütige Verteidigung des Privilegs ist.“ | ||||||||||||