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16.08.2009 26 Jahre Stadtteil-Schule

Von der gewerkschaftlichen Selbsthilfe zur behördenabhängigen Leiharbeit
von Jürgen Burger
Aus heutiger Sicht mag es mehr als verwundern, dass der Verein „Stadtteil-Schule e.V.“, der vorwiegend als ausgelagerte Agentur der Bildungsbehörde fungiert, um durch Personalüberlassung Lücken in der Unterrichtsversorgung zu stopfen, vor 26 Jahren auf Initiative der „GEW-Betriebsgruppe arbeitsloser Lehrer“ gegründet worden ist. Der damalige Zweck der Gründung steht geradezu im Gegensatz zu dem, was heute passiert.

Seitenabschnitte:
Der Gründungskompromiss
Die Funktionalisierung des Vereins unter Bildungssenator Lemke

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Der Gründungskompromiss

Seit 1980 gab es in Bremen einen totalen Einstellungsstopp, die Zahl der arbeitslosen Lehrkräfte stieg schnell auf über 1000 an (davon ca. 500 in der GEW organisiert). Das Arbeitsamt verteilte gleichzeitig recht freigiebig Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM-Stellen, auf 1-2 Jahre befristet). So kam die Bildungsbehörde auf die Idee, Lehrkräfte auf ABM-Basis einzustellen. GEW und Personalrat bekämpften diesen Plan und forderten stattdessen die Aufhebung des Einstellungsstopps.
Für uns arbeitslose Lehrkräfte war eine ABM-Stelle damals viel wert, bedeutete sie doch zwei Jahre reguläres Gehalt und die Sicherung der (sonst nach und nach verfallenden) Qualifikation.
Der Kompromiss, der nach endlosen Verhandlungen erzielt wurde, sah dann so aus, dass die ABM-Stellen dem neu gegründeten gewerkschaftlichen Selbsthilfeprojekt „Stadtteil-Schule“ zur Verfügung gestellt wurden, das sie aber nicht für Vertretungsunterricht, sondern für Hausaufgabenhilfen und Förderunterricht außerhalb der Schule – vorwiegend in den Jugendfreizeitheimen – verwendete.
Dieser Kompromiss hielt von 1983 bis 1999. Mehrere Hundert arbeitslose Lehrkräfte waren in den 16 Jahren (jeweils für 1-2 Jahre) in diesem selbstorganisierten Verein beschäftigt. Allerdings änderte sich ab 1992 die Finanzierungsbasis erheblich. Die ABM-Stellen (Bremen hatte in der Hochphase um 1985 über 5000) wanderten fast gänzlich in die neuen Bundesländer und stattdessen bekam die „Stadtteil-Schule“ zunehmend (auf Initiative der Grünen in der Ampelkoalition) Personalmittel von der Bildungsbehörde. Damit wuchs aber auch deren Einfluss auf den Verein.


Die Funktionalisierung des Vereins unter Bildungssenator Lemke

Die gesamte Phase der Großen Koalition war durch den Versuch gekennzeichnet, mehr Unterricht mit weniger Lehrkräften zu realisieren. Bringfriede Kahrs erhöhte 1997 die Unterrichtsverpflichtung in allen Schularten um zwei Stunden. Ihr Nachfolger Willi Lemke legte den Schwerpunkt darauf, reguläre LehrerInnenarbeit durch prekäre Arbeit zu ersetzen. Die „Volle Halbtagsschule“ wurde abgeschafft und durch die „Verlässliche Grundschule“ ersetzt, der Schwimmunterricht durch Bademeister erteilt und neue Ganztagsschulen erhielten nicht mehr Lehrkräfte, sondern pädagogische MitarbeiterInnen mit Teilzeitverträgen. Im Rahmen dieser Politik wurde die „Stadtteil-Schule“ ab 1999 gezwungen, Vertretungsunterricht an den Schulen zu erteilen. Haushaltsrechtlich wurde ein Titel „Geld statt Stellen“ eingerichtet, aus dem dieser neue Billiglohnsektor offiziell finanziert wird. Dabei werden reguläre LehrerInnenstellen in Geldmittel umgewandelt, um damit billigere Arbeitskräfte (meist befristet) einzustellen. „Versuchsweise“ begann dieses Verfahren im Schuljahr 1998/99 mit einer einzigen Stelle. 2002 waren es schon 50 Stellen und heute werden über 100 (im letzten Schuljahr 109) Stellen nicht regulär besetzt, sondern in Geldmittel für prekäre Arbeitsverhältnisse umgewandelt.
Aufgrund der veränderten Einstellungssituation verliert der Verein zunehmend seine Funktion, arbeitslosen Lehrkräften nach dem zweiten Staatsexamen zum Erhalt ihrer Qualifikation zu verhelfen. Immer häufiger werden Uni-AbsolventInnen beschäftigt, die auf das Referendariat warten – eine höchst unsinnige Konstruktion. Stattdessen sollten dringend mehr Ausbildungsplätze am LIS geschaffen werden. Auch Studierende werden immer häufiger eingesetzt. Auch hier gilt: Ständiger Vertretungsunterricht während der Ausbildung kann den LehrerInnenberuf eher verleiden als die Berufswahl bestärken.
Daneben laufen noch einige außerschulische Projekte aus der „Gründerzeit“ des Vereins. Sie sollten weiter gefördert werden. Aber für die große Zahl der prekär Beschäftigten gilt: Mehr Ausbildungsplätze und reguläre Einstellungen müssen her!

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